COVID-19; Originalbild: Eisenhans/Adobe Stock

EMA empfiehlt Zulassung des AstraZeneca-Impfstoffs auch für Ältere

Nachdem die Ständige Impfkommission des RKI eine Zulassung des AstraZeneca-Impfstoffs bis 65 Jahre empfohlen hatte, wurde bereits über eine Änderung der Impfreihenfolge diskutiert. Nun hat die EMA den Impfstoff auch für ältere Menschen empfohlen, obwohl sie selbst nicht der Meinung ist, dass es genug Daten für diese Altersgruppe gibt.

Zulassung erteilt

Am 12.01.21 hatte die European Medicines Agency (EMA) den Eingang des Zulassungsantrag des von AstraZeneca und der Oxford University entwickelten Impfstoffs (ChAdOx1) verkündet. Heute hat das Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP) der Europäischen Kommission die Zulassung  empfohlen. Bei den letzten beiden Impfstoffen folgte die Europäische Kommission dieser Empfehlung noch am selben Tag.

Bei der Impfung sollen zwei Standarddosen im Abstand von 4 bis 12 Wochen zum Einsatz kommen. Daher basiert die Empfehlung der EMA auf Daten von Studien, bei denen der Impfstoff so eingesetzt wurde (s. unten).

Die EMA räumt zwar ein, dass es nicht genug Daten gäbe, um die Wirksamkeit der Impfung bei Älteren zu bewerten. Da aber gezeigt wurde, dass auch ältere Personen eine Immunreaktion auf den Impfstoff zeigen und aufgrund der Erfahrung mit anderen Impfstoffen, empfiehlt sie keine Einschränkung der Zulassung für Ältere. Die Sicherheitsdaten seien auch für ältere Patienten ausreichend.

Ergebnisse der zulassungsrelevanten Studien

Am 8. Dezember veröffentlichten Voysey et al. in der Fachzeitschrift Lancet eine Interimsanalyse zum Impfstoff ChAdOx1. Sie enthält Daten von vier verblindeten, randomisierten kontrollierten Studien im Vereinigten Königreich, Brasilien und Südafrika. Die Teilnehmer waren mindestens 18 Jahre alt und wurden 1:1 zum neuen SARS-CoV-2-Impfstoff oder zu einer Kontrolle randomisiert. Insgesamt schlossen die Koordinatoren bisher 23848 Teilnehmer in die Studien ein.

  • Die Wirksamkeitsanalyse basiert auf 11636 Teilnehmern (Verum 5807; Kontrolle 5829). Davon waren 974 Personen (8,4%) im Alter von 56 bis 69 Jahren und 444 Personen (3,8 %) 70 Jahre oder älter. Die Zuordnung der Patienten zu Verum oder Kontrolle war einfach verblindet.
  • Ein Teil der Verum-Patienten im Vereinigten Königreich (n = 1367) erhielt nicht die volle Standarddosis bei der ersten Impfung. Dies war nicht geplant, wurde aber in Absprache mit den nationalen Behörden so fortgeführt.
  • Der Abstand zwischen initialer Impfung und Boosterimpfung variierte in den Studien. Der Median lag zwischen 36 und 84 Tagen.

Reduktion symptomatischer SARS-CoV-2-Infektionen

Es traten 131 symptomatische SARS-CoV-2-Infektionen auf, 30 davon in der Verum-Gruppe. 10 Patienten der Kontroll-Gruppe mussten ins Krankenhaus eingewiesen wurden, einer davon starb.

Die Autoren berechneten die Reduktion des relativen Risikos für eine symptomatische Infektion unter Verum:

  • Standarddosis plus zweite Standarddosis: 62,1 % (95%-KI 41,0–75,7)
  • Reduzierte Dosis plus Standarddosis: 90,0 % (95%-KI 67,4–97,0)

Reduktion asymptomatischer SARS-CoV-2-Infektionen

Regelmäßige Tests auf asymptomatische Infektionen erfolgten nur bei einem Teil der Patienten (n = 6638). Es traten 69 asymptomatische Infektionen auf, 24 davon in der Verum-Gruppe.

Reduktion des relativen Risikos für eine asymptomatische Infektion unter Verum:

  • Standarddosis plus zweite Standarddosis: 3,8 % (95%-KI -72,4–46,3)
  • Reduzierte Dosis plus Standarddosis: 58,9 % (95%-KI 1,0–82,9)

Sicherheit der Impfung

Schwere unerwünschte Ereignisse traten bei  79 Patienten in der Verum-Gruppe ein und bei 89 Patienten in der Kontrollgruppe.

In den Studien traten drei Fälle von transverser Myelitis auf. Allerdings ordnete ein unabhängiges neurologisches Komitee zwei der Fälle als unabhängig von der Impfung ein. Beim dritten Fall kann ein Zusammenhang nicht ausgeschlossen werden.

Ist der AstraZeneca-Impfstoff schlechter?

Die Wirksamkeit der verschiedenen Impfstoffe über die Studien hinweg zu vergleichen ist wenig sinnvoll. Dafür sind die Gruppen und Bedingungen zu unterschiedlich. Man kann lediglich festhalten, dass bei ChAdOx1 noch weniger alte Menschen an den Studien teilgenommen haben und der Wirksamkeitsnachweis für diese Gruppe auf noch weniger Evidenz beruht.

Nur bei einem Teil der Studienteilnehmer fanden regelmäßige Tests auf asymptomatische Infektionen statt. Diese scheint der Impfstoff schlechter zu verhindern als symptomatische Infektionen. Die Wahrscheinlichkeit mit der ein Geimpfter in der Lage ist, das Virus weiterzugeben, kann daher nicht beurteilt werden. Diese Daten fehlen aber auch zu den anderen Impfstoffen.

Ein Vorteil von ChAdOx1 könnte seine höhere Stabilität sein, die Transport und Lagerung erleichtert.

Ist der AstraZeneca-Impfstoff gefährlicher, weil er DNA enthält?

Bei ChAdOx1 handelt sich im Gegensatz zu den bereits zugelassenen Impfstoffen nicht um einen mRNA-Impfstoff, sondern um einen DNA-Vektor. Die oft geäußerte Sorge ist, dass eine Integration ins menschliche Genom folglich leichter sein könnte als bei den mRNA-Impfstoffen. Bei diesen müsste gleichzeitig eine Infektion mit einem Retrovirus vorliegen und selbst dann halten einige Experten Komplikationen für ausgeschlossen. Diskussionen, ob ein solches Risiko für einen DNA-Vektor-Impfstoff besteht, basieren aktuell nur auf theoretischen Überlegungen. Vor der COVID-19-Pandemie gab es noch keine klinischen Testungen von DNA-Impfstoffen an Menschen [Arzneimittelbrief].

Kommentar

Der neue Impfstoff kann symptomatische Infektionen verhindern. Ob der Schutz lange anhält und eine Impfung die Weitergabe des Virus verhindert, ist unklar. Gerade bei alten Menschen, für die SARS-CoV-2 eine besondere Gefahr darstellt, gibt es noch zu wenig Daten.

Trotzdem brauchen wir den AstraZeneca-Impfstoff, genauso wie die beiden bereits zugelassenen Impfstoffe, um die Pandemie zu beenden. Ich würde mir viel mehr Daten wünschen: Prospektive Endpunktstudien zu Mortalität und Hospitalisierung sowie Langzeituntersuchungen zu möglichen Spätfolgen der neuen Techniken. Aber diese Daten können gar nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen. Darüber sollten wir die Bevölkerung ehrlich aufklären. Dann halte ich den Einsatz von ChAdOx1 für vertretbar.