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Update Long COVID: Was wissen wir über Zahlen und Risiken?

Schätzungsweise 400 Millionen Betroffene weltweit leiden an anhaltenden oder neu auftretenden gesundheitlichen Beschwerden nach einer SARS-CoV-2-Infektion. Diese dauern länger als drei Monate und beeinträchtigen die Lebensqualität teilweise erheblich. Wer ist besonders gefährdet?

Viele Patienten, viele Wissenslücken

Auch nach asymptomatischen, milden und moderaten Infektionen erkranken statistisch als genesen geltende Menschen an Long COVID. Laut der klinischen Falldefinition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) handelt es sich dabei um eine Vielzahl an Symptomen, die unterschiedliche Organe betreffen können. Obwohl die Zahl der Long-COVID-Patienten weltweit steigt und es in Deutschland mittlerweile Spezialambulanzen gibt, sind die Hintergründe noch immer unklar, die Therapiemöglichkeiten limitiert, es fehlt Evidenz.

Experten sind sich einig: Das Wissen muss vertieft werden, ein anhaltender Austausch über die aktuellen Herausforderungen in der Diagnostik und den neuen Therapieansätzen ist dringend notwendig. Die aktuellen Zahlen, die Pathogenese und vielversprechende Therapien waren Themen des 3. Kongresses des Ärzte- und Ärztinnenverbandes Long COVID am 25. November.

Von entscheidender Bedeutung sei es, die verschiedenen Phänotypen dieser Erkrankung zu diskutieren und Lösungen zu entwickeln. Besonders die Auswirkungen auf Kinder stehen aus Sicht der Teilnehmenden nicht ausreichend im Fokus. Ihre speziellen Bedürfnisse sollen in der Forschung und Versorgung mehr Aufmerksamkeit finden.

Die Forschungslandschaft in Deutschland

Schon im September 2020 beschrieb der erste Long-COVID-Report das neue Krankheitsbild. Bis heute führen die hohe Individualität der Symptomatik und die Interdisziplinarität zu einer äußerst komplexen Krankheitssituation, erläuterte Prof. Dr. Christine Falk, Hannover. Hinzu kommen Herausforderungen bezüglich Datenerhebung und Wissensvernetzung. Für zukünftige Forschung sind klare Falldefinitionen zu schaffen, Symptome, Grunderkrankungen, Infektionen, Impfungen und Verläufe zuverlässig zu erfassen. In den vorhandenen Zentren der Gesundheitsforschung laufen verschiedene Projekte, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden, etwa NAPKON, coverCHILD und COVIM.

Der „Runde Tisch Long COVID“ vom Bundesministerium für Gesundheit ist ein Angebot mit Hilfestellungen, Informationen zum aktuellen Forschungsstand sowie Antworten auf die wichtigsten Fragen. Die Plattform dient auch der regelmäßigen Vernetzung von Betroffenen, Forschenden und Politik zu den wichtigsten Entwicklungen. Zahlreiche Projekte und Studien bringen nach und nach mehr Licht ins Dunkel und eröffnen neue Diagnose- und Therapieoptionen.

Das Risiko ist für viele hoch

Prof. Dr. Karl Lauterbach bezeichnete auf dem Kongress Long COVID als eine Art Volkskrankheit. Die Inzidenz pro Jahr liege bei 200 000 Fällen; 5 bis 10 % der Corona-Infizierten entwickle postinfektiöse Symptome. Die Impfung biete Schutz in einer Größenordnung von 30 bis 50 %, so sei das Risiko für Long COVID grundsätzlich hoch.

Bisher ist keine Heilung möglich. Die Wahrscheinlichkeit für eine Spontanheilung ist sehr gering, insbesondere nach einer Erkrankungsdauer von einem oder gar zwei Jahren. Als Risikofaktoren gelten Übergewicht, Depressionen, Autoimmun- und andere bestehende Begleiterkrankungen. Besonders gefährdet sind Patienten, die auf der Intensivstation versorgt wurden und bei denen Gefäßstörungen im Vordergrund stehen. Darüber hinaus sei auch das Risiko für die Patienten nicht zu unterschätzen, die COVID-19 überstanden haben. Auch sie können noch eventuell Langzeitfolgen entwickeln.

Der Bundesgesundheitsminister sieht Deutschland als eines der Pionierländer in der Long-COVID-Forschung. Er bestätigte die Förderung zweier Schwerpunkte: Zum einen bis zu 81 Millionen Euro für versorgungsnahe Forschung, konkret um neuartige und übertragbare Versorgungsansätze zu entwickeln und zu erproben. Zum anderen bis zu 52 Millionen Euro für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Long COVID. Dabei beschränkt sich der Forschungsansatz nicht nur auf Long COVID, sondern schließe Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom (ME/CFS) allgemein mit ein.

Intensiv untersucht und aktuell fieberhaft erarbeitet werde der Off-Label-Use geeigneter Arzneimittel für eine systematische Symptombehandlung. Hierzu soll demnächst eine Liste mit Empfehlungen veröffentlich werden.

Quelle

Prof. Dr. Rembert Koczulla, Dr. Daniel Vilser, Prof. Dr. Christine Falk, Prof. Dr. Karl Lauterbach. 3. Kongress des Ärzte- und Ärztinnenverbandes Long COVID – Bedarfsgerechte Versorgung postinfektiöser Erkrankungen – ein Problem von Generationen? in Berlin am 25. November 2024.

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