Anhaltende Symptome nach einer Corona-Infektion sind weit verbreitet, doch die genauen Hintergründe noch immer ein Rätsel. Mikrovaskuläre Durchblutungsstörungen und eine gestörte Energieproduktion in den Muskelzellen scheinen eine zentrale Rolle zu spielen.
Mehr wissen, um therapieren zu können
Um therapeutische Ansätze zu entwickeln, sind mehr Erkenntnisse über das Krankheitsgeschehen vonnöten. Der kausale Zusammenhang zwischen der Immunantwort gegen das SARS-CoV-2-Virus (und/oder der Impfung) und der Long-COVID-Erkrankung ist noch immer nicht endgültig geklärt. Vermutlich sind die hier ablaufenden Mechanismen bei anderen Viren und Infekten ebenfalls von Bedeutung.
Welche Veränderungen im Organismus für die Symptome verantwortlich sein könnten, war eines der führenden Themen auf dem 3. Kongress des Ärzte- und Ärztinnenverbandes Long COVID am 25. November.
Mögliche Pathomechanismen
Long-COVID-Patienten unterscheiden sich immunologisch deutlich von Menschen ohne Infektion, erläuterte Prof. Dr. Christine Falk, Hannover. Sie zeigen eine Dysregulation verschiedener Immunzellen sowie konstant hohe Konzentrationen inflammatorischer Zytokine. Zudem sind Faktoren einer Endothelschädigung zu beobachten. In Zellen der Betroffenen finden sich unterschiedliche Autoantikörper. Zudem treten zahlreiche sekundäre pathologische Veränderungen auf, beispielsweise Mikrogerinnsel und Thrombozytenaktivierung sowie Dysfunktionen in den Mitochondrien. Es zeigen sich außerdem oft Auffälligkeiten in der Lungenfunktion.
Als mögliche Ursachen für Long COVID stehen unter anderem zur Diskussion:
- Hormonelle Beeinträchtigungen in Wechselwirkung mit einer Dysregulation des Immunsystems
- Virale Persistenz (infektiöse Viren, virale RNA oder virale Proteine)
- Eine durch die Infektion getriggerte Autoimmunität
- Reaktivierung latenter Viren
- Durch Entzündungen ausgelöste chronische Veränderungen mit der Folge von Gewebestörungen und -schäden
Auch andere persistente Viren wie das Epstein-Barr-Virus, Herpesviren oder das Zytomegalievirus können sich im Zuge einer COVID-19-Erkrankung wieder reaktivieren. Trotz der multifaktoriellen Pathogenese mit klaren physiologischen Beeinträchtigungen ist die Erkrankung oft mit medizinischen Standardtests nicht konsistent erkennbar.
Die Postexertionelle Malaise
Zu den wichtigsten Symptomen zählt die sogenannte Postexertionelle Malaise (PEM). Etwa 68 % der Long-COVID-Patienten haben sie mindestens einmal erlebt, beschrieb Prof. Dr. Christian Puta, Jena. Der Begriff umfasst die inadäquate körperliche Reaktion und anhaltende Symptomverschlechterung als Antwort auf Belastung. Diese Belastungsintoleranz äußert sich beispielsweise als Erschöpfung, Muskelschwäche, Dyspnoe, überschießende Tachykardie und begleitende orthostatische Intoleranz. Daran schließt sich eine verlängerte Erholungsphase an, die mehr als 14 Stunden andauern kann.
PEM tritt sowohl nach körperlicher als auch mentaler und kognitiver Belastung auf. Sie ist ebenfalls im Rahmen anderer Virusinfektionen zu beobachten und stellt das Kernsymptom bei Myalgischer Enzephalomyelitis / Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) dar. Eine effektive Therapie existiert zurzeit nicht.
Mitochondrien im Mittelpunkt
Das Phänomen PEM ist noch nicht genau verstanden, sagte Prof. Dr. Dr. Klaus Wirth, Frankfurt. Er sieht einen zentralen Erklärungsansatz in einer belastungsinduzierten Muskelschädigung, ausgelöst durch Gefäß- und Durchblutungsstörungen. Demnach führt die Corona-Infektion zu komplexen mikrovaskulären Durchblutungsstörungen. Bei ME/CFS verändere sich die Pathophysiologie von einer kapillären Dysfunktion hin zu einer mitochondrialen Dysfunktion, die sich als selbstverstärkender Teufelskreis chronifiziert.
Natrium und Calcium
Eine Rolle spiele dabei der Natrium-Protonen-Austauscher (NHE-1). Er verursache eine Natriumüberladung in den Muskelzellen. Tatsächlich bestätigten klinische Befunde solch eine erhöhte Natriumkonzentration in den Muskeln von ME/CFS-Betroffenen. Diese korreliert auch negativ mit der Muskelkraft. Bei Belastung entstehe durch den Natriumanstieg in den Muskelzellen wiederum eine Calcium-Überladung durch eine Umkehr der Transportrichtung des Natrium-Calcium-Austauschers (NCX). Die resultierende Calcium-Überladung bei jeder erneuten Belastung treibe die Schäden in den Mitochondrien und PEM weiter an. Als Folge sinke die ATP-Produktion in den Zellen und damit werde deren Energieversorgung eingeschränkt.
Schlussendlich verbrauchen die Mitochondrien mehr Energie als sie produzieren. Daraufhin verstärken sich die ME/CFS-Symptome. Kumulierte Schädigungen lassen den Vorrat an intakten Mitochondrien schrumpfen, daher sind PEM möglichst zu vermeiden. Ein Therapieansatz besteht in der Entwicklung von Arzneimitteln, die eine Calcium-Überladung und damit die Mitochondrien-Schädigung unterbinden.
Proteine in Mitochondrien direkt beeinflusst
Wie Puta berichtete, stellte sich heraus, dass das SARS-CoV-2-Virus direkt an essenzielle mitochondriale Proteine bindet und die mitochondriale Genexpression unterdrückt. Daraus resultieren die beschriebenen Funktionsstörungen der mitochondrialen Energieproduktion und die Aktivierung der Immunantwort. Zukünftig gelte es, eine klinische Phänotypisierung von ME/CFS-Patienten anhand molekularer Marker vorzunehmen und die Auswirkungen wiederholter kurzfristiger anaerober Aktivität für die Induktion und den Verlauf von PEM zu untersuchen.
Quelle
Prof. Dr. Christine Falk, Prof. Dr. Christian Puta, Prof. Dr. Dr. Klaus Wirth. 3. Kongress des Ärzte- und Ärztinnenverbandes Long COVID – Bedarfsgerechte Versorgung postinfektiöser Erkrankungen – ein Problem von Generationen? in Berlin am 25. November 2024.
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