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Update Long COVID: Was wissen wir über mögliche Therapien?

Was hilft bei anhaltender Symptomatik nach einer SARS-CoV-2-Infektion? Welche medikamentösen Ansätze sind in der Pipeline?

Es gibt Behandlungsmöglichkeiten

Leider hören viele Long-COVID-Patienten und Eltern betroffener Kinder, es gäbe keine Therapien. Das ist jedoch so nicht richtig. Über verfügbare Maßnahmen und vielversprechende zukünftige Behandlungsoptionen tauschten sich Experten auf dem 3. Kongress des Ärzte- und Ärztinnenverbandes Long COVID am 25. November aus.

Generelle Empfehlungen

Das klare Statement von Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen, Berlin, lautete:

Therapeutischer Nihilismus ist keinesfalls angesagt!“

Symptome wie Schlafstörungen, Schmerzen, Schwindel oder Atembeschwerden können mit bewährten Therapieoptionen und zugelassenen Arzneimitteln behandelt werden.

Um Postexertioneller Malaise (PEM) entgegenzuwirken, können Patienten

  • Stress und Überforderungen auf emotionaler, kognitiver und körperlicher Ebene vermeiden
  • Varianz ins Herz-Kreislauf-System bringen, ohne eine metabolische Überlastung zu erzeugen: Lagewechsel-Übungen oder aerobes Ausdauertraining nach der Intervallmethode mit kurzen Belastungsphasen (15 bis 30 Sekunden) und doppelt so langen Erholungsphasen (30 bis 60 Sekunden)
  • Klare Grenzen setzen und einhalten

Im Rahmen des Themenraumes „Forschung und Versorgung in der Pädiatrie“ stellte Dr. Nicole Töpfner, Dresden, medizinische und psychosoziale Behandlungsoptionen vor. Einige fallen, wie oft in der Pädiatrie, unter die Off-Label-Anwendung. Bei bestimmten Defiziten eignen sich etwa Supplemente, Melatonin, Antihistaminika, Analgetika oder kreislaufstabilisierende Wirkstoffe. Nicht zu unterschätzen sind Beratungen und Schulungen, beispielsweise zu Schlafförderung, Stressreduktion und Pacing, sowie telemedizinische oder stationäre Versorgungsangebote, Ergo- und Psychotherapie. Hilfsmittel wie ein Rollstuhl können den Alltag erleichtern, ebenso die Beantragung eines Pflegegrads oder eines Grads der Behinderung.

Pacing: im eigenen Tempo

Eine andere für viele Patienten hilfreiche Methode zum schonenden Umgang mit den eigenen Energieressourcen ist Pacing. Darunter fallen Strategien zur wohl dosierten, gegebenenfalls supervidierten körperlichen Aktivität und ein individuell angemessenes Energiemanagement. Es gibt keine festen Regeln oder Ziele. Der zentrale Aspekt besteht darin, auf den eigenen Körper zu hören und innerhalb der eigenen Energiegrenzen zu bleiben. Beim Pacing richtet sich die Strukturierung der Aktivität streng nach den individuellen körperlichen Energiereserven und Belastungsgrenzen. Pacing soll die mit der Postexertionellen Malaise (PEM) verbundene Abwärtsspirale so gut wie möglich aufhalten. Im Idealfall können Patienten damit ihren Zustand auf einem gewissen Niveau stabilisieren und die Symptomlast reduzieren. Patientenumfragen belegen den hohen Nutzen von Pacing.

In Label und off Label therapieren

Etliche laufende Studien untersuchen neue Ansätze zur Long-COVID-Therapie. Als vielversprechend nannten die Experten auf dem Kongress die Immunadsorption (das Entfernen von Autoantikörpern aus dem Blut), die Sauerstoffhochdruck-Therapie, den Wirkstoff Vericiguat und den Ginkgo-biloba-Extract EGb 761®. Auch BC 007, bisher mit eher enttäuschenden Ergebnissen bewertet, scheint zumindest bei speziellen Patientenuntergruppen erfolgreich zu sein. Weiterhin steht die Wirksamkeit von Rituximab, Cimetidin, Okrelizumab und Inebilizumab aktuell auf dem Prüfstand.

Ausgehend von der Hypothese einer Calcium-Überladung in den Muskelzellen als Ursache für Schäden in den Mitochondrien ist der Arzneistoffkandidat MDC-002 Gegenstand der Forschung. Er soll die Natrium- und Calcium-Überladung verhindern und die belastungsabhängigen Symptome lindern. Die Entwicklung stehe jedoch noch am Anfang, so Prof. Dr. Dr. Klaus Wirth, Frankfurt.

Liste mit Empfehlungen zum März 2025 erwartet

Die Expertengruppe „Long COVID Off-Label-Use“ im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit erarbeitet eine Liste geeigneter Arzneimittel. Dieser Therapie-Kompass ist derzeit noch nicht abgeschlossen und beinhaltet sowohl Empfehlungen für den In-Label- als auch Off-Label-Use. Zu letzterem werden hierin unter anderem Antidepressiva, Betablocker, Glucocorticoide, Statine sowie Ivabradin, Metformin, Midodrin, Naltrexon, Nirmatrelvir / Ritonavir und Pyridostigmin bewertet.

Spiroergometrie für Gutachten nützlich

Ergänzend stellte David Ochmann, Mainz, die Spiroergometrie vor, eine Messung von EKG, Atemtätigkeit und Konzentration von Sauerstoff und Kohlendioxid in der Atemluft. Sie ist bei Long COVID nicht nur als objektivierende Diagnosemethode nützlich, sondern dient Betroffenen als Tool für eine medizinische Begutachtung. Die Analyse kann die jeweilige maximale Dauerleistung und Belastbarkeit bewerten und die Alltags-, Rehabilitations- und Berufsfähigkeit beurteilen. Zudem lässt sich der Medikations- und Trainingserfolg von Therapien beurteilen. Die Spiroergometrie wurde bereits in die S1-Leitlinie „Long/Post-Covid“ als Diagnostikempfehlung aufgenommen.

Nachteil der Methode: Sie verursacht PEM und kann für den Patienten eine Symptomverschlechterung für die nächsten Tage bedeuten. Die hierbei entstehende Belastung entspricht einem durchschnittlichen Bürotag und ist individuell abzuwägen.

Quelle

Prof. Dr. Christine Falk, Prof. Dr. Carmen Scheibenbogen, Dr. Nicole Töpfner, Prof. Dr. Dr. Klaus Wirth, David Ochmann. 3. Kongress des Ärzte- und Ärztinnenverbandes Long COVID – Bedarfsgerechte Versorgung postinfektiöser Erkrankungen – ein Problem von Generationen? in Berlin am 25. November 2024.

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