Nerven und Gehirn vertragen hohe Temperaturen schlecht. Schlaganfälle sind in heißen Sommernächten häufiger. Zudem mehren sich bei chronischen neurologischen Erkrankungen in Hitzeperioden die Beschwerden.
Zunehmend gesundheitliche Probleme
Hitze schlägt aufs Hirn – diese Volksweisheit kann die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) bestätigen. Die Experten weisen darauf hin, dass Erkrankungen von Nerven und Gehirn bei Hitze häufiger auftreten. Darüber hinaus sind Verschlechterungen bei Menschen mit bestehenden Erkrankungen zu beobachten. Grundsätzlich treten Schwitzen, Durstgefühl und Vasodilatation auf, Herz- und Nierenfunktion nehmen ab, was bei bestehenden Komorbiditäten negative Effekte hervorrufen kann.
Das Thema gewinnt angesichts der Zunahme von Hitzeperioden im Zuge des Klimawandels an Bedeutung, denn Europa erwärmt sich am schnellsten und hier steigt die Anzahl älterer Menschen durch die demographische Entwicklung.
Die gesundheitliche Gefahr von Hitze wird heute immer noch unterschätzt.“ (Prof. Dr. Peter Berlit, DGN-Pressesprecher)
Migräneattacken, Symptomverschlechterung und Delir
Migränepatienten leiden bei Hitzewellen unter mehr Attacken, die durch Schlafmangel und Dehydratation zusätzlich getriggert werden. Symptomverschlechterungen erleben auch viele Menschen mit multipler Sklerose: Bei mehr als jedem Zweiten tritt das sogenannte Uhthoff-Phänomen auf, die vorübergehende Verschlimmerung typischer Symptome unter dem Einfluss von Hitze. Hintergrund sind Funktionsstörungen vorgeschädigter Nerven, die durch äußere Hitzeeinwirkung oder erhöhte Körpertemperatur häufiger auftreten.
Bei Rückenmarksverletzungen oder Querschnittslähmung kann die eingeschränkte Temperaturregulation zum Problem werden. Bei älteren Menschen steigt außerdem das Risiko für Delir. In Kombination mit dem altersbedingt schwindenden Durstgefühl ist ein Flüssigkeitsmangel mit Delir als Folge häufiger.
Allgemeine Präventionsmaßnahmen für alle vulnerablen Patientengruppen sind das Vermeiden direkter Sonneneinstrahlung, Kühlhalten des Körpers, ausreichendes Trinken und eine eventuelle Dosisanpassung der Medikation (siehe unten).
Mehr nächtliche Schlaganfälle
Eine Zunahme des Risikos für ischämische Schlaganfälle und transitorische ischämische Attacken aufgrund von nächtlichen Hitzeereignisse zeigte eine jüngst publizierte deutsche Studie. Untersucht wurden 11.037 klinische Schlaganfälle jeweils von Mai bis Oktober im Zusammenhang mit meteorologischen Parametern. Die Neurologen beobachteten einen signifikanten Anstieg des Schlaganfallrisikos an Tagen mit extremer nächtlicher Hitze während des gesamten Studienzeitraums.
Sie zählten im Großraum Augsburg zwischen 2006 und 2012 jährlich zwei zusätzliche Schlaganfälle infolge nächtlicher Hitzeereignisse. Von 2013 bis 2020 stieg die Anzahl auf jährlich 33 zusätzliche Fälle. Das entspricht einer Zunahme des Schlaganfallrisikos um 7%. Noch nicht berücksichtigt wurden in der Analyse die extremen Hitzesommer in den Jahren 2022 und 2023. Weitere Erkenntnis: In Hitzewellen enden die Schlaganfälle häufiger tödlich. Als mögliche Mechanismen sind eine nächtliche Dehydrierung, Störungen der Schlafphysiologie und der zirkadianen Thermoregulation zu nennen. Einfluss nehmen hierbei scheinbar weitere Umweltfaktoren, beispielsweise die Luftverschmutzung. Durch den Klimawandel nehmen die nächtlichen Temperaturen deutlich schneller zu als die Tagestemperaturen.
Medikation im Blick?
Welche Arzneimittel sollten in Hitzeperioden besonders überprüft und gegebenenfalls in der Dosis angepasst werden? Hierzu zählen unter anderem ACE-Hemmer (reduzierter Durst), anticholinerge Antiparkinsonika (reduziertes Schwitzen), Betablocker (Einfluss auf kutane Vasodilatation), Opioide als transdermale therapeutische Systeme (Einfluss auf zentrale Temperaturregulation) und Diuretika (Dehydrierung). Informationen zum Medikamentenmanagement bei Hitzewellen bietet die „Heidelberger Hitze-Tabelle“ des Universitätsklinikums Heidelberg, Abteilung Klinische Pharmakologie & Pharmakoepidemiologie.
Quellen
Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Klimaschutz ist Gesundheitsschutz. Presseinformation vom 31.05.2024.
He C, Breitner S, Zhang S, Huber V, et al. Nocturnal heat exposure and stroke risk. Eur Heart J 2024;45 (24):2158–66.
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