Tocilizumab bei Patienten mit schwerer COVID-19-Erkrankung

Die Behandlung mit Tocilizumab kann möglicherweise das Risiko einer mechanischen Beatmung oder des Todes bei Patienten mit schweren COVID-19-Pneumonien reduzieren und verkürzt die Behandlungszeit im Krankenhaus.

Eine überschießende Immunreaktion kann das Krankheitsbild verschlechtern

Die SARS-CoV-2-Infektion verläuft in mehreren Phasen. Nach der initialen Infektion mit dem Virus kann es bei schweren Krankheitsverläufen zu einer überschießenden Reaktion des Immunsystems mit der Freisetzung von Interleukinen kommen (Zytokinsturm). Diese überschießende Immunreaktion kann das zugrunde liegende Krankheitsbild und insbesondere die atypische Pneumonie verschlechtern.

Tocilizumab ist ein monoklonaler Antikörper, der gegen den löslichen und den membrangebundenen Interleukin-6-Rezeptor wirksam ist. Der Wirkstoff ist zugelassen zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis und der Riesenzellarteriitis. Da die Freisetzung von Interleukin offenbar eine wichtige pathophysiologische Rolle spielt, sollte untersucht werden, ob Tocilizumab bei Patienten mit schwerer SARS-CoV-2-Infektion wirksam ist.

Endpunkt: Beatmung oder Tod

Die Studie wurde in Italien durchgeführt. Es handelte sich um eine retrospektive Kohortenstudie, die zwischen Februar und März 2020 Patienten einschloss, die eine schwere COVID-19-Infektion hatten. Tocilizumab wurde intravenös mit 8 mg/kg Körpergewicht gegeben.

Der primäre Endpunkt war die Kombination aus Notwendigkeit einer mechanischen Beatmung oder Tod. Die Behandelten wurden mit Patienten verglichen, die kein Tocilizumab erhielten.

Reduzierte Sterblichkeit

In der italienischen Studie hatten von 1351 Patienten, die mit COVID-19 ins Krankenhaus aufgenommen wurden, 544 eine schwere COVID-19-Pneumonie und wurden in die Beobachtung eingeschlossen.

Von den 179 Patienten, die mit Tocilizumab behandelt wurden, benötigten 33 (18%) eine Intubation und Beatmung. In der Vergleichsgruppe von 365 Patienten ohne Tocilizumab waren dies 57 Patienten, entsprechend 16%. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Die Sterblichkeit betrug 7% in der Tocilizumab-Gruppe und 20% in der Standardtherapiegruppe. Dieser Unterschied war signifikant.

Nach Adjustierung mit Parametern wie Patientenalter und Symptomdauer war das Risiko für den primären Endpunkt (Tod oder Beatmung) unter Tocilizumab reduziert.

In der Tocilizumab-Gruppe traten bei 24/179 Patienten (13%) neue Infektionen auf; verglichen mit 14/365 Patienten (4%) in der Standardtherapiegruppe.

Kommentar

Die Studie aus Italien legt nahe, dass Tocilizumab bei schwerer SARS-CoV-2-Infektion mit Pneumonie möglicherweise einen therapeutischen Nutzen hat. Die zugrunde liegende Hypothese ist, dass die überschießende Immunreaktion auf die Virusinfektion und der damit verbundene Zytokinsturm eine bestehende Pneumonie verschlechtern können. Für diese Annahme spricht auch die Tatsache, dass offenbar Dexamethason bei Patienten, die wegen SARS-CoV-2-Infektion beatmet werden müssen, wirksam ist. Patienten, die keinen Sauerstoff benötigen und nicht intubiert sind, profitieren dagegen wohl nicht von Dexamethason (wir berichteten). Für den endgültigen Beweis einer Wirksamkeit von Tocilizumab sind allerdings randomisierte Studien notwendig.

Quelle

Guaraldi G, Meschiari M, Cozzi-Lepri A, Milic J, Tonelli R, Menozzi M, et al. Tocilizumab in patients with severe COVID-19: a retrospective cohort study.The Lancet Rheumatology. Published OnlineJune 24, 2020, https://doi.org/10.1016/

Autor

Foto Prof. Diener
Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener. Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen, Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (IMIBE).