Nehmen wir uns eine Grippe zu wenig zu Herzen?

Oder zu viel? Eine Studie zeigte kürzlich eine signifikante Assoziation zwischen Grippeerkrankung und dem Auftreten eines Herzinfarkts.

Dass ein Herzinfarkt durch akute Atemwegsinfekte begünstigt werden kann, wurde bereits in verschiedenen Untersuchungen gezeigt. Nun wurde in einer selbstkontrollierten Fallserie gezeigt, dass dieser Zusammenhang auch zwischen Grippeerkrankung und Herzinfarkt besteht. Dazu wurden jeweils die Woche nach Diagnose der Influenza als „Risikointervall“ und das Jahr vor und nach der Diagnose als „Kontrollperiode“ definiert. Bei knapp 20.000 bestätigten Influenza-Infektionen kam es zu 364 Hospitalisierungen aufgrund von akutem Herzinfarkt. 20 davon im Risikointervall (entspricht 20/Woche), 344 in der Kontrollperiode (entspricht 3,3/Woche) – die Inzidenz für Hospitalisierungen aufgrund von akutem Herzinfarkt war in der Risikozeit also ungefähr sechsmal höher als in der Kontrollphase. Für unterschiedliche Subgruppen (z.B. Alter, Virustyp, Impfstatus) ließen sich zwar Tendenzen erkennen, die Unterschiede waren aber nicht signifikant.

Auch wenn Influenza-Geimpfte (31 % der Kohorte) in dieser Untersuchung keinen signifikanten Vorteil hatten, betonen die Autoren, dass diese Untersuchung keinesfalls die Unwirksamkeit einer Impfung belege – denn viele vorherige Untersuchungen hätten gezeigt, dass eine Impfung allgemein die Zahl der kardiovaskulären Ereignisse und die Sterblichkeit senke.

Stirbt man heutzutage überhaupt noch an Grippe?

Ja, tut man: Allein in der Saison 2016/17 wurden dem Robert Koch-Institut 723 Tote mit Grippeinfektion in Deutschland gemeldet. Bei 448 Fällen davon hatte das Gesundheitsamt angegeben, dass diese an der  Erkrankung selbst oder deren Folgen verstorben waren. Die geschätzten Todesfallzahlen liegen jedoch wesentlich höher. Laut RKI werde die Grippe häufig nicht als Todesursache auf dem Totenschein eingetragen, selbst wenn das Vorliegen einer Influenza labordiagnostisch bestätigt wurde und wesentlich zum Tod beigetragen hat. Als Todesursache genannt würden dann häufiger beispielsweise Lungenentzündungen und Herzkreislauferkrankungen.

Daher werden mittels statistischer Verfahren die mit Influenza assoziierten Todesfälle („Exzess-Mortalität“) abgeschätzt. Diese lag beispielsweise für die Saison 2014/15 (für die Folgejahre sind die Daten noch nicht verfügbar) bei 21.300 Todesfällen.

Unter diesem Aspekt lohnt es sich sicher, der Empfehlung der Europäischen Union zu folgen, nach der eine Impfquote von 75 % bei älteren Menschen erreicht werden sollte. Deutschland ist mit einer Impfquote von 35,3 % bei über 60-Jährigen in der Saison 2015/16 weit davon entfernt. Vor allem die alten Bundesländer müssen aufholen mit einer Impfrate von 30,4 % (besonders schlimm: Baden-Württemberg mit 20,1 %) gegenüber 51,4 % in den neuen Bundesländern.

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