Auf Schlafmangel folgt Schmerzerkrankung?

Schlafstörungen haben bei allen Bevölkerungsgruppen in Deutschland in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Sie stehen in einem komplexen Wechselverhältnis mit chronischen Schmerzen. Schlafmangel gilt sogar als Prädiktor für die Entstehung von Schmerzerkrankungen.

Kein Schlaf durch Schmerz

Neben psychologischen Faktoren bestehen komplexe neurobiologische Zusammenhänge zwischen Schmerz und Schlaf, die aktuell weiter erforscht werden, erläuterte Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Anke Diezemann-Prößdorf, Leitende Psychotherapeutin am Deutschen Schmerz-Zentrum Mainz, anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses 2026.

Dass Schmerz den Schlaf beeinträchtigen kann, ist nicht neu und auch nicht überraschend. Drei von vier Menschen, die an chronischen Schmerzen leiden, liegen nachts regelmäßig wach. Wer unter körperlichen Schmerzen leidet, findet nachts oft keine bequeme Schlafposition oder ist durch schmerzbedingtes Schonverhalten am Tag nicht ausreichend müde.

Schmerz durch Schlafmangel

Schmerzen und Schlafstörungen sind durch das Zusammenspiel psychischer und neurobiologischer Faktoren verknüpft. So befasst sich die Forschung etwa mit der Frage: Stört der Schmerz den Schlaf oder beeinflusst vielmehr schlechter Schlaf die Schmerzwahrnehmung? „Aktuelle Befunde weisen eher darauf hin, dass Schlafstörungen vor allem die Schmerzverarbeitung negativ beeinflussen“, so die Expertin. Eine Übersicht von Langzeitstudien mit mehr als 60.000 Probanden zeigt:

Verschlechtert sich der Schlaf, steigt wiederum das Risiko für später auftretende Schmerzerkrankungen. Das Risiko für eine Schmerzerkrankung ist deutlich erhöht bei Kindern, die Schlafstörungen haben.“

So können Schlafmangel und Schlafentzug die körpereigene Schmerzhemmung beeinträchtigen und eine empfindlichere Reaktion auf Schmerzreize bewirken. Auch Stressregulation und Entzündungsprozesse können sich verändern.

Nach Schlafmangel zeigen Menschen unter anderem leicht erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol und stärkere Cortisolreaktionen auf Belastungen. Wie diese Mechanismen zusammenspielen und zur Entstehung oder Verstärkung chronischer Schmerzen beitragen, ist noch nicht vollständig geklärt.

In Kombination besonders belastend

Wer unter chronischen Schmerzen und Schlaflosigkeit leidet, gerät rasch in einen Teufelskreislauf: Der Schmerz verhindert das Einschlafen, das führt wiederum zu einem Gefühl von Hilflosigkeit und Sorge – das Einschlafen wird noch schwerer. Wenn die Schlaflosigkeit vermehrt Aufmerksamkeit erfährt, wird sie zum Stressor, der wiederum körperliche Schmerzen weiter verschlechtert.

„Tatsächlich zeigen Studien, dass bei Schlafproblemen die psychologischen Faktoren den entscheidenden Einfluss haben: Kognitive Erregung wie Grübeln und Anspannung sowie die Stimmung vor dem Einschlafen sagten den anschließenden Schlaf besser voraus als die körperlichen Schmerzen“, so Diezemann-Prößdorf.

Selbsthilfe-Maßnahmen

Wie lässt sich der Kreislauf durchbrechen? Bei anhaltenden Schmerzen und Schlaflosigkeit sind mögliche Ursachen und Begleiterkrankungen ärztlich abzuklären. „Schlafapnoe, Depressionen, oder posttraumatische Belastungsstörungen benötigen eine gezielte Behandlung“, sagt die Referentin.

„Ansonsten ist bei chronischer Insomnie die kognitive Verhaltenstherapie die erste Wahl vor der medikamentösen Therapie – auch bei chronischen Schmerzsyndromen.“

Ein wichtiger Therapiebaustein kann dabei die sogenannte Stimuluskontrolle sein. Betroffene lernen dabei, erst ins Bett zu gehen, wenn sie schläfrig sind, und dort nicht zu lesen oder zu arbeiten. Eine gezielte Begrenzung der Bettzeit, die sogenannte Schlafrestriktion, kann ebenfalls helfen.

Außerdem helfen regelmäßige Aufstehzeiten, körperliche Bewegung entsprechend der eigenen Belastbarkeit und ein ruhiges Abendritual sowie ein ruhiges, dunkles und kühles Schlafzimmer. Nicht ständig in der Nacht auf die Uhr schauen, Koffeinverzicht ab dem Nachmittag und Alkoholabstinenz unterstützen ebenfalls.

Bestehende körperliche Beschwerden können auch für einen guten Schlaf gezielt gelindert werden. Entlastende Lagerung, Wärme oder sanfte Dehnübungen sind hier zu nennen. Bei Darmbeschwerden wie dem Reizdarmsyndrom kommen Darmmassagen infrage.

Quelle

Dr. rer. nat. Dipl.-Psych. Anke Diezemann-Prößdorf. Schmerz raubt Schlaf – Schlafmangel verstärkt Schmerz: Ein Teufelskreis und wie man ihn durchbricht. Vorab-Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses 2026 am 13. Oktober 2026.

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