Verschiedene Autoimmunerkrankungen scheinen mit Tumoren des Verdauungstraktes assoziiert zu sein. Welche Zusammenhänge gibt es?
Evidenz auf dem Prüfstand
26% der Krebserkrankungen und 35% aller krebsbedingten Todesfälle weltweit betreffen das Verdauungssystem. Da diese Tumoren im Frühstadium nicht mit spezifischen Symptomen verknüpft sind, erfolgt die Diagnose oft spät mit nur noch begrenzten Behandlungsmöglichkeiten. Obwohl eine Reihe bekannter Risikofaktoren beeinflussbar ist (Alkoholkonsum, Rauchen, Ernährung, Adipositas), bleibt die Frage: Welche Rolle spielen Autoimmunerkrankungen bei der Entstehung von Tumorerkrankungen der Verdauungsorgane?
Augsburger Forscher werteten aus
Um die Aussagekraft bestehender Hinweise zu bewerten, analysierten deutsche Wissenschaftler in einer Studie die bisherige Evidenz für den Zusammenhang zwischen Zöliakie, systemischem Lupus erythematodes, multipler Sklerose sowie Diabetes mellitus Typ 1 und Krebserkrankungen des Verdauungssystems. Konkret bewerteten sie Tumoren an Magen, Speiseröhre, Bauchspeicheldrüse, Dünndarm, Dickdarm (Colon, Rektum) sowie dem hepatobiliären System (Leber, Gallenblase).
Etliche Zusammenhänge bestätigt
Die Auswertung aus 47 Studien mit mehr als 1,5 Millionen Fällen ergab folgende positive Assoziationen:
- Zöliakie: Bauchspeicheldrüsen-, Speiseröhren-, Dickdarm-, Dünndarm-, Leberkrebs und Tumoren im Hepatobiliärtrakt
- Systemischer Lupus erythematodes: Bauchspeicheldrüsen-, Speiseröhren-, Dickdarm-, Leberkrebs und Tumoren im Hepatobiliärtrakt
- Diabetes mellitus Typ 1: Magen-, Bauchspeicheldrüsen-, Speiseröhren-, Dickdarm-, Leberkrebs und Tumoren im Hepatobiliärtrakt
- Multiple Sklerose: Bauchspeicheldrüsen-, Speiseröhren-, Rektumkrebs
Die stärkste biaskorrigierte Assoziation ergab sich für Zöliakie und Dünndarmkrebs.
Organe dauerhaft unter Stress
Warum Autoimmunprozesse bei der Tumorentstehung relevant sind und welche Mechanismen hier greifen, ist weitgehend unbekannt. Eine mögliche Erklärung liegt in den langfristigen Belastungen wie chronischen Entzündungsprozessen von Organen und Geweben durch die Autoimmunreaktionen und die medikamentöse Behandlung. Gemeinsame Mechanismen in der Pathogenese wie Serum-Autoantikörper und genomische Anfälligkeit könnten außerdem eine Rolle spielen.
Die Studienautoren sehen in ihrer Analyse eine Bestätigung dafür, dass für Patienten mit Zöliakie, systemischem Lupus erythematodes, multipler Sklerose und Diabetes mellitus Typ 1 eine entsprechende Krebsfrüherkennung und gegebenenfalls eine individualisierte Krebsvorsorge vorteilhaft ist.
Quelle
Reizner, Julia et al. Evaluating the risk of digestive system cancer in autoimmune disease patients: a systematic review and meta-analysis focusing on bias assessment. eClinicalMedicine, Volume 87, 103410.
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