Immer mehr junge Menschen nehmen Antipsychotika ein. Die Wirkstoffe können Reaktionen im Stoffwechsel auslösen, die das Risiko für Fettleibigkeit, metabolisches Syndrom und kardiovaskuläre Erkrankungen erhöhen. Welche Substanzen haben welche Effekte?
Zunehmend junge Patienten
Die Verschreibungsrate von Antipsychotika für Kinder und Jugendliche steigt seit 30 Jahren an, insbesondere in Ländern mit hohem Einkommen. Mehr als bei erwachsenen Anwendern geht solch eine Medikation mit einem erhöhten Risiko von Nebenwirkungen einher. Beispielsweise treten starke und schnelle Gewichtszunahmen und Stoffwechselstörungen auf: typische Risikofaktoren für spätere Fettleibigkeit, metabolisches Syndrom und kardiovaskuläre Erkrankungen.
Vor dem Hintergrund der langfristigen Exposition gegenüber Prolaktin-erhöhenden Antipsychotika werden zudem eine verringerte Knochenmineraldichte und ein erhöhtes Brustkrebsrisiko diskutiert. Ein zusätzlicher Aspekt: Die meisten Patienten führen ihre antipsychotische Behandlung bis ins Erwachsenenalter fort.
13 Substanzen im Vergleich
Eine Metaanalyse sollte Erkenntnisse über physiologische Effekte von Antipsychotika-Anwendung bei Menschen unter 18 Jahren zusammenfassen. Dazu analysierten die Studienautoren Daten von 6500 Kindern und Jugendlichen mit neuropsychiatrischen und entwicklungsneurologischen Erkrankungen aus 47 randomisierten kontrollierten Studien. Sie schauten bei 13 verschiedenen Wirkstoffen und 12 Parametern nach Veränderungen.
Die Analyse schloss junge Patienten ein, die zwischen drei und zwölf Wochen lang (Median sieben Wochen) ein Antipsychotikum (n = 4366) oder ein Placebo (n = 2134) erhielten. Sie berücksichtigte Daten vom Ausgangswert bis zum Ende der Akutbehandlung. Folgende Wirkstoffe wurden dabei analysiert: Aripiprazol, Asenapin, Blonanserin (bislang nur in Japan und Südkorea zugelassen), Clozapin, Haloperidol, Lurasidon, Molindon (nicht in Deutschland zugelassen), Olanzapin, Paliperidon, Pimozid, Quetiapin, Risperidon und Ziprasidon. Risperidon, Quetiapin und Olanzapin zählen zu den weltweit am häufigsten verschriebenen Antipsychotika für Kinder und Jugendliche.
Bis zu 10 kg mehr unter Haloperidol
Es ergaben sich teils erhebliche Unterschiede zwischen den Wirkstoffen im Hinblick auf die physiologischen Veränderungen im Vergleich zu Placebo.
- Körpergewicht: Wie in früheren Studien beschrieben, folgte unter Olanzapin, Quetiapin, Clozapin und Risperidon/Paliperidon häufiger eine Gewichtszunahme. Die Auswirkungen reichten von einer mittleren Abnahme von –2 kg (95%-Konfidenzintervall [KI] –3,61 bis –0,39) unter Molindon bis zu einer Zunahme von 5,6 kg (95%-KI 0,27 bis 10,94) unter Haloperidol.
- BMI: Größten Einfluss zeigten Molindon mit –0,70 kg/m2 (95%-KI –1,21 bis –0,19) und Quetiapin mit 2,03 kg/m2 (95%-KI 0,51 bis 3,55). Auch Olanzapin erhöhte den BMI um 1–2 kg/m2.
- Nüchternglucose: Die größten Effekte ergaben sich unter Blonanserin (–0,09 mmol/l; 95%-KI –1,45 bis 1,28) und Quetiapin (0,74 mmol/l; 95%-KI 0,04 bis 1,43).
- Gesamtcholesterin: Am eklatantesten fielen die Reaktionen unter Blonanserin (–0,04 mmol/l; 95%-KI –0,39 bis 0,31) und unter Quetiapin (0,35 mmol/l; 95%-KI 0,17 bis 0,53) aus.
- LDL-Cholesterin: Größte Veränderungen passierten unter Risperidon/Paliperidon mit –0,12 mmol/l (95%-KI –0,31 bis 0,07) sowie unter Olanzapin mit 0,17 mmol/l (95%-KI –0,06 bis 0,40).
- HDL-Cholesterin: Größte Auswirkungen unter Quetiapin (0,05 mmol/l; 95%-KI –0,19 bis 0,30) und durch Risperidon/Paliperidon (0,48 mmol/l; 95%-KI 0,18 bis 0,78).
- Triglyceride: Die Werte veränderten sich am meisten mit Lurasidon auf –0,03 mmol/l (95%-KI –0,12 bis 0,06) und mit Olanzapin auf 0,29 mmol/l (95%-KI 0,14 bis 0,44).
- Prolaktin veränderte sich am relevantesten unter Aripiprazol (–2,83 ng/ml; 95%-KI –8,42 bis 2,75) und unter Risperidon/Paliperidon (26,40 ng/ml; 95%-KI 21,13 bis 31,67).
- Die Herzfrequenz wurde vor allem von Ziprasidon (–0,20 bpm; 95%-KI –8,11 bis 7,71) und Quetiapin (12,42 bpm; 95%-KI 3,83 bis 21,01) beeinflusst.
- Der systolische Blutdruck veränderte sich zwischen –3,40 mm Hg (95%-KI –6,25 bis -0,55) mit Ziprasidon und 10,04 mm Hg (95%-KI 5,56 bis 14,51) mit Quetiapin.
- Das QT-Intervall zeigte Reaktionen von –0,61 ms (–1,47 bis 0,26) mit Pimozid bis zu 0,30 ms (–0,05 bis 0,65) mit Ziprasidon.
Die Guten und die Schlechten
Die schlechtesten Nebenwirkungsprofile hinsichtlich metabolischer Veränderungen ergaben sich zusammenfassend für Olanzapin, Quetiapin, Risperidon, Paliperidon und Clozapin. Bei den hämodynamischen und QT-Zeit-Effekten wies Quetiapin ein allgemein schlechtes Profil auf. Hier zeigte allerdings kein Antipsychotikum über alle Variablen hinweg ein einheitlich günstiges Profil.
Für Aripiprazol, Blonanserin, Lurasidon und Ziprasidon bewerteten die Studienautoren die physiologischen Nebenwirkungsprofile als relativ gutartig. Sie stuften Aripiprazol, Blonanserin, Lurasidon, Molindon und Ziprasidon im Großen und Ganzen als sichere Behandlungsoptionen ein.
Es ergaben sich darüber hinaus keine Hinweise auf Zusammenhänge mit dem Körpergewicht, dem Geschlecht oder der ethnischen Zugehörigkeit bezüglich der Ausprägungen der Antipsychotika-induzierten physiologischen Veränderungen.
Fazit
Physiologische Nebenwirkungen von Antipsychotika können langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Die Studienautoren beschreiben durchaus klinisch bedeutsame physiologische Effekte durch Antipsychotika bei Heranwachsenden. Sie schlagen vor, die Behandlungsrichtlinien für Kinder und Jugendliche bei neuropsychiatrischen und entwicklungsneurologischen Erkrankungen zu aktualisieren. Dadurch könnten metabolische und hämodynamische Veränderungen sowie Effekte auf den Prolaktinspiegel bei verschiedenen Substanzen Berücksichtigung finden.
Zwar war die Evidenz mancher Studien in der Auswertung niedrig und potenzielle Einflussgrößen wie Lebensstilfaktoren, körperliche Begleiterkrankungen, Pubertätsstadien oder mitverordnete Arzneimittel blieben unberücksichtigt. Dennoch können diese Erkenntnisse nach Meinung der Studienautoren für Verschreibungsentscheidungen hilfreich sein. Schließlich empfehlen klinische Leitlinien, Entscheidungen über eine Antipsychotika-Verschreibung unter Berücksichtigung von Nebenwirkungsprofilen der verschiedenen Wirkstoffe zu treffen.
Es bleibt allerdings offen, ob bestimmte Gruppen junger Patienten eher physiologische Folgen von Antipsychotika zeigen als andere. So gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Stoffwechselstörungen bei antipsychotikanaiven Personen unter 18 Jahren mit einer Psychose in der ersten Episode im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Daher könnte die Wahrscheinlichkeit für Antipsychotika-induzierte metabolische Nebenwirkungen bei Schizophrenie höher sein als bei anderen neuropsychiatrischen und neurologischen Entwicklungsstörungen.
Quelle
Rogdaki M, McCutcheon RA, D’Ambrosio E, Mancini V, et al. Comparative physiological effects of antipsychotic drugs in children and young people: a network meta-analysis. Lancet 2024;8(7):510–21. DOI:https://doi.org/10.1016/S2352-4642(24)00098-1.
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