Säuglingsnahrung mag in so mancher Hinsicht sinnvoll oder praktisch sein. Jedoch kann sie negative Auswirkungen auf den Fettstoffwechsel mit sich bringen. Wissenschaftler haben sich nun den Zusammenhang genauer angesehen und bewertet.
Säuglingsnahrung als Risikofaktor für Adipositas
Säuglingsnahrung, auch Formulanahrung genannt, gibt es schon lange und hat sich ständig weiterentwickelt. Dennoch ist es kaum möglich, die Zusammensetzung der Muttermilch perfekt zu imitieren. Seit Jahren ist bekannt, dass gestillte Kinder seltener an Übergewicht und Adipositas leiden und eine bessere kognitive Leistungsfähigkeit entwickeln.
Den Zusammenhang von Säuglingsnahrung mit einer übermäßigen Zunahme an Fettgewebe haben Wissenschaftler der Universitäten Osnabrück, Aachen und Regensburg mithilfe von Datenbanken genauer untersucht und als Review in der Fachzeitschrift „Nutrients“ veröffentlicht. Dabei stießen sie auf einige interessante Ergebnisse.
- Stillen beeinflusst die DNA-Methylierung (z.B. des Leptin-Gens), was wiederum die Transkription aktiviert oder inhibiert; abhängig vom methylierten Gensegment kommt es zu einer Genexpression oder zum Silencing.
- Die Methylierung des Fettmasse- und Adipositas-assoziierten Gens (FTO) beeinflusst regulatorisch das Ausmaß der FTO-Expression. Durch Säuglingsnahrung insbesondere mit erhöhtem Proteinanteil wird die FTO-Expression deutlich gesteigert.
Die Beteiligung des Fat Mass- and Obesity-Associated Gene (FTO) an Übergewicht, Adipositas und Diabetes ist schon länger bekannt.“ (Prof. Bodo C. Melnik, Universität Osnabrück).
- FTO wird in großem Ausmaß im Hypothalamus exprimiert und reguliert dort die Energie- und Proteinaufnahme.
- FTO beeinflusst die Methylierung von N6-Methyladenosin (m6A). Dadurch wird der mRNA-Metabolismus, die Regulation der Lipogenese und des Lipidmetabolismus sowie die Insulinresistenz beeinflusst.
- Muttermilch enthält zusätzlich Exosomen mit genregulatorischer miRNA, die die Regulation der Lipogenese unterstützen. Jedoch gibt es Hinweise darauf, dass die miRNA-Zusammensetzung in der Muttermilch bei Müttern mit Adipositas oder Gestationsdiabetes verändert ist.
- Die Zusammensetzung der Muttermilch folgt einem zirkadianen Rhythmus (in der Nacht ist z.B. der Tryptophan-Anteil höher), wodurch sich auch beim Säugling der zirkadiane Rhythmus entwickeln kann.
- Ein FTO-Defizit begünstigt braunes Fettgewebe, welches für die Thermoregulation und den Energiestoffwechsel eine wichtige Rolle spielt. Säuglinge, die nicht voll gestillt werden, zeigen im Gegensatz zu Vollgestillten ein Risiko für Hypothermie.
Insgesamt haben Säuglinge, die mit Säuglingsnahrung gefüttert werden, ein erhöhtes Risiko für Adipositas. Zudem weisen die Studienautoren nochmals darauf hin, dass Milch nicht als einfaches Lebensmittel angesehen werden sollte und gerade bei Säuglingen die Zusammensetzung der Hauptnahrungsquelle einen großen Einfluss auf die Genexpression und damit auf verschiedene Mechanismen im Körper hat; auch noch im späteren Leben.
Muttermilch ist mehr als nur Nahrung – sie ist die Fortsetzung eines epigenetischen Prägungsprogramms, das nicht künstlich gestört werden darf. Bei der Einführung der Formula-Nahrung wurde dies von der Kinderheilkunde leider übersehen.“ (Prof. Swen M. John, Universität Osnabrück)
Muttermilch ist die erste Hauptnahrungsquelle für Neugeborene
Dass die Lebens- und Ernährungsweise eine große Rolle für die Gesundheit des Kindes spielt, dürfte bekannt sein. Das fängt schon mit dem Stillen an, denn Muttermilch enthält die optimale Zusammensetzung an Nährstoffen und darüber hinaus andere wichtige Bestandteile wie Antikörper des Immunsystems der Mutter (passive Immunisierung) und für die Darmflora wichtige Bifidobakterien. Hierbei sind auch die Ernährung und der Lebensstil der Mutter entscheidend. Zusätzlich ändert die Zusammensetzung der Muttermilch im Laufe der Zeit aber auch während eines Stillvorgangs und passt sich stetig den Bedürfnissen des Kindes an. Insgesamt hat das Stillen viele positive Effekte für Mutter und Kind. Die WHO empfiehlt in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen und erst danach eine Beikost-Einführung sowie das Weiterstillen bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahres. Natürlich gibt es auch hier interindividuelle Unterschiede und Einschränkungen, die eine Abweichung von der allgemeinen Empfehlung notwendig machen können.
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