COVID-19: Überschießende Immunantwort mit Glucocorticoiden unterdrücken

Glucocorticoide können bei schwerkranken Patienten mit COVID-19 die Sterblichkeit signifikant senken. Das zeigt eine aktuelle Metaanalyse sieben klinischer Studien. Aufgrund dieser Ergebnisse empfiehlt die WHO den Einsatz von Glucocorticoiden bei Patienten mit schweren Verläufen.

Überschießende Immunantwort führt zu schweren Verläufen

Bei COVID-19 kommt es primär zu einer atypischen Pneumonie. Im weiteren Verlauf können auch andere Organsysteme wie die Niere betroffen sein. Im Rahmen der Immunreaktion auf das Virus kann es zu einer überschießenden Reaktion mit der Freisetzung von Zytokinen kommen. Diese überschießende Immunreaktion kann das Krankheitsbild verschlechtern.

Glucocorticoide können eine überschießende Zytokin-Freisetzung hemmen. Aus diesem Grund wurden mehrere Therapiestudien mit Glucocorticoiden bei schwer betroffenen Patienten mit COVID-19 durchgeführt.

Methodik

Es handelt sich um eine prospektiv geplante Metaanalyse der Daten von sieben randomisierten klinischen Studien, in denen die Wirksamkeit von Glucocorticoiden bei 1703 schwerkranken Patienten mit COVID-19 untersucht wurde. Die Studien wurden in 12 Ländern vom 26. Februar 2020 bis 9. Juni 2020 durchgeführt. Die primäre Analyse war eine inverse varianzgewichtete Fixed-Effect Metaanalyse der Gesamtsterblichkeit. Die Patienten wurden randomisiert und erhielten Dexamethason, Hydrocortison oder Methylprednisolon (678 Patienten) oder die übliche Behandlung bzw. Placebo (1025 Patienten). Der primäre Endpunkt war die Gesamtsterblichkeit 28 Tage nach Randomisierung, der sekundäre Endpunkt umfasste vom Untersucher definierte schwerwiegende unerwünschte Ereignisse.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 1703 Patienten in die Analyse einbezogen. Das mittlere Alter betrug 60 Jahre und 488 (29%) waren Frauen. Fünf Studien erfassten die Sterblichkeit nach 28 Tagen, eine Studie nach 21 Tagen und eine Studie nach 30 Tagen. Es gab unter den 678 Patienten, die mit Glucocorticoiden behandelt wurden, 222 Todesfälle, und 425 Todesfälle bei den 1025 Patienten, die die übliche Behandlung oder Placebo erhielten (Odds-Ratio [OR 0,66; 95%-KI 0,53–0,82; p<0,001). Es gab nur geringe Inkonsistenzen zwischen den Studienergebnissen (I2=15,6%; p=0,31 für Heterogenität).

Die Odds-Ratio für die Sterblichkeit betrug

  • 0,64 (95%-KI 0,50–0,82; p<0,001) für Dexamethason im Vergleich zur üblichen Behandlung oder zu Placebo (3 Studien, 1282 Patienten und 527 Todesfälle)
  • 0,69 (95%-KI 0,43–1,12; p=0,13) für Hydrocortison (3 Studien, 374 Patienten, und 94 Todesfälle), und
  • 0,91 (95%-KI 0,29–2,87; p=0,87) für Methylprednisolon (1 Studie, 47 Patienten und 26 Todesfälle).

In den sechs Studien, in denen über schwerwiegende unerwünschte Ereignisse berichtet wurde, traten 64 Ereignisse bei 354 Patienten auf, die mit Glucocorticoiden behandelt wurden, und 80 Ereignisse bei 342 Patienten, die nach dem Zufallsprinzip die übliche Behandlung oder Placebo erhielten.

Kommentar

Diese Metaanalyse von sieben randomisierten Studien zeigt, dass eine Behandlung mit Glucocorticoiden offenbar die Gesamtsterblichkeit bei Patienten mit schwerem COVID-19 um ein Drittel reduziert. Zeitgleich mit dieser Metaanalyse wurden auch die sieben Studien, die Daten für die Metaanalyse lieferten, publiziert. Das Ergebnis war robust und der Therapieeffekt ließ sich nachweisen – unabhängig vom Alter, vom Geschlecht und der Dauer der Symptomatik bis zum Therapiebeginn.

Seit der Bekanntgabe der Ergebnisse dieser Metaanalyse wurden die restlichen noch laufenden Studien zum Einsatz von Glucocorticoiden bei schwer betroffenen Patienten mit COVID-19 abgebrochen. Glucocorticoide gehören daher jetzt nach evidenzbasierten Kriterien zur Standardtherapie von schwer betroffenen Patienten mit COVID-19. Ungeklärt ist allerdings nach wie vor, wie lange die Therapie erfolgen sollte.

Quelle

The WHO Rapid Evidence Appraisal for COVID-19 Therapies Working Group. Association between administration of systemic corticosteroids and mortality among critically ill patients with COVID-19: A meta-analysis. JAMA. 2020; doi:10.1001/jama.2020.17023

Autor

Foto Prof. Diener
Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener. Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen, Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (IMIBE).