Es passiert viel in der Therapie des Diabetes mellitus. Aber profitieren die Patienten auch davon? Experten forderten im Rahmen des Diabetes Kongresses 2026: Fortschritt darf kein Privileg sein.
Großes Potenzial für die Behandlung
Neuartige medikamentöse Therapien, kontinuierliche Glukosemessung und automatisierte Insulindosierung sowie digitale Innovationen eröffnen Möglichkeiten in der Diabetestherapie, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar waren, erläuterte Prof. Dr. med. Barbara Ludwig, Dresden, auf der Vorab-Pressekonferenz zum 60. Diabetes Kongress. Ansätze zum zellbasierten Betazellersatz eröffnen sogar die Perspektive in Richtung kausaler Therapien.
Diese Entwicklungen haben das Potenzial, die Versorgung von Menschen mit Diabetes grundlegend zu verändern – medizinisch wie auch im Alltag.“
So hoffnungsvoll die Aussichten erscheinen, zeigt sich jedoch eine zentrale Herausforderung: Der Fortschritt erreicht nicht alle. Zwischen dem, was medizinisch möglich ist, und dem, was im Versorgungsalltag tatsächlich ankommt, besteht eine erhebliche Lücke.
Die Realität sieht leider anders aus
Die bestehende Diskrepanz hat viele Ursachen. Zum einen ist der Zugang zu modernen Technologien und innovativen Therapien häufig an strukturelle, ökonomische oder regulatorische Bedingungen geknüpft. Unterschiedliche Versorgungsstrukturen, regionale Unterschiede sowie sozial bedingte Ungleichheiten beeinflussen maßgeblich, wer von neuen Entwicklungen profitieren kann. Zum anderen stellt die zunehmende Komplexität der Therapien teils hohe Anforderungen an Gesundheitskompetenz, Schulung und kontinuierliche Begleitung.
Allein in Deutschland leben derzeit 9,3 Mio. Menschen mit Diabetes, 450 000 Neuerkrankungen gibt es jährlich. Ein Blick über die Ländergrenzen hinaus zeigt deutliche Unterschiede: Während wir über hochinnovative Therapien und zukünftige Heilungsansätze diskutieren, ist in vielen Teilen der Welt der Zugang zu einer grundlegenden Insulinversorgung nicht gesichert. Dieser Kontrast verdeutlicht, wie unterschiedlich die Realität von Menschen mit Diabetes weltweit ist – und wie groß die Verantwortung, die sich daraus ergibt.
Was ist mit der Lebensqualität?
Trotz der Faszination für innovative Möglichkeiten ist der Blick nicht allein auf biomedizinische Parameter zu richten, sondern auf den Menschen. Gute Stoffwechseleinstellungen sind wichtig, aber nicht gleichbedeutend mit guter Lebensqualität.
Fortschritt muss sich daher auch daran messen lassen, ob er das Leben der Betroffenen tatsächlich erleichtert.“
Die Lebensrealität von Menschen mit Diabetes ist geprägt von individuellen Herausforderungen. Innovationen sollten verantwortungsvoll in die Versorgung integriert werden, so die Kongresspräsidentin. Wirksamkeit ist nicht nur unter Studienbedingungen, sondern auch im realen Leben zu betrachten. Nicht zuletzt geht es darum, technologische Entwicklungen mit menschlicher Zuwendung und interdisziplinärer Versorgung zu verbinden.
Da Prävention und Lebensstilfaktoren unabhängig von technologischen Innovationen eine wesentliche Grundlage für Gesundheit und Lebensqualität darstellen, sieht Ludwig hier eine zentrale Aufgabe für die kommenden Jahre.
Quelle
Prof. Dr. med. Barbara Ludwig, Dresden. „Revolution der Mittel – Realität der Menschen“: Kongresshighlights – Fortschritte (nicht) für alle: Von Chancenungleichheit bis hin zu Hürden moderner Therapiemöglichkeiten. Vorab-Pressekonferenz 60. Diabetes Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 7. Mai 2026.
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