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Ultrahohe Dosen Vitamin D gegen Multiple Sklerose

Das klinisch isolierte Syndrom gilt als Erstmanifestation einer Multiplen Sklerose. Hochdosiertes Vitamin D konnte in einer Studie die Krankheitsprogression aufhalten und ähnliche Wirkung erreichen wie eine krankheitsmodifizierende Immuntherapie.

Klinisch isoliertes Syndrom und MS

Gekennzeichnet ist das klinisch isolierte Syndrom durch eine akute Episode mit Beteiligung des zentralen Nervensystems (ZNS), beispielsweise Entzündungen des Sehnervs, des Rückenmarks oder Hirnstammsyndrome. Klassischerweise beginnt damit eine Multiple Sklerose (MS).

Die Prävalenz der MS ist in Ländern fern des Äquators höher. Eine Hypothese besagt, das MS-Risiko könne von der UV-Strahlung beziehungsweise der davon abhängigen Vitamin-D-Synthese beeinflusst sein. Ein Zusammenhang zwischen niedrigem Vitamin-D-Spiegel und MS-Aktivität wurde mehrfach beschrieben, Studien brachten jedoch widersprüchliche Ergebnisse.

Mangel immer behandeln

Ein Check des Serumspiegels von 25-Hydroxy-Cholecalciferol und ein Ausgleich bei Mangel gehört zum Therapiekonzept bei MS. Die im Februar 2025 überarbeitete Leitlinie (pdf) spricht für Patienten mit Vitamin-D-Spiegeln im Normbereich eine Kann-Empfehlung für eine Supplementation in den hochnormalen Bereich (50 bis 125 nmol/l) aus. Ein positiver Effekt dieser Behandlung sei jedoch nicht bewiesen und eine langfristige tägliche Zufuhr sollte 4000 Internationale Einheiten (I.E.) nicht überschreiten. Von Ultra-Hochdosis-Therapien wird explizit abgeraten.

Studie mit Hochdosis-Therapie

In einer randomisierten, Placebo-kontrollierten, multizentrischen Phase-III-Studie aus Frankreich untersuchten Forscher, wie erwachsene Patienten mit klinisch isoliertem Syndrom ohne bisherige krankheitsmodifizierende Therapie auf die orale Gabe von Vitamin D (Cholecalciferol) ansprachen. Sie erhielten spätestens 90 Tage nach ihrer Diagnose eine Ultra-Hochdosis-Therapie mit 100.000 I.E. alle zwei Wochen über zwei Jahre.

Die Krankheitsaktivität der 303 Probanden wurde anhand des Auftretens von MS-Schüben und/oder neuen beziehungsweise Kontrastmittel-aufnehmenden Läsionen in der Magnetresonanztomographie (MRT) bestimmt. Die Teilnehmer wiesen eingangs einen medianen Vitamin-D-Spiegel von 45 (31 bis 66) nmol/l auf, 68 Patienten (22,4%) hatten einen schweren Vitamin-D-Mangel (<30 nmol/l).

Schübe traten seltener auf

Die Verum-Gruppe erreichte eine geringere Krankheitsaktivität nach 24 Monaten: bei 94 Patienten (60,3%) gegenüber 109 (74,1%) in der Placebogruppe. Der Zeitraum bis zum Auftreten einer Krankheitsaktivität war median unter der Intervention signifikant länger (432 vs. 224 Tage). Bestätigt wurde ein Effekt zudem durch die Bildgebung. Bei 89 (57,1%) der behandelten Teilnehmer versus 96 (65,3%) konnte noch MRT-Aktivität gemessen werden. Darunter wiesen 72 vs. 87 Patienten neue Läsionen auf und 29 vs. 50 Probanden Kontrastmittel-aufnehmende Läsionen.

Für Patienten mit schubförmig remittierender MS ohne bisherige krankheitsmodifizierende Immuntherapie ergaben sich vergleichbare positive Effekte. Diejenigen ohne Rückenmarksläsionen bei Diagnosestellung hatten den größten Benefit. Es profitierten außerdem Patienten mit schwerem Vitamin-D-Mangel sowie Menschen mit einem Body-Mass-Index im Normalbereich.

Ein wichtiger Aspekt der Studie war die Sicherheit. Daher waren Menschen mit Vitamin-D-Spiegeln über 100 nmol/l ausgeschlossen. Unerwünschte Ereignisse aufgrund der Hochdosis-Therapie traten bei keinem Probanden auf. Lediglich zwei Patienten entwickelten nach drei bzw. zwölf Monaten eine leichte Hyperkalzämie (Calcium 2,6 bis 2,88 mmol/l).

Chance als Add-on

Das Potenzial einer Cholecalciferol-Supplementation als ergänzende Therapie neben anderen Maßnahmen aus vorherigen Studien wird durch die aktuelle Untersuchung für Menschen mit klinisch isoliertem Syndrom und früher schubförmig-remittierender MS unterstützt. Es scheinen zudem nicht nur Patienten mit guter MS-Prognose Nutznießer zu sein.

Die Einnahme von hohen Cholecalciferol-Dosen muss weiter erforscht werden. Sie ist ohne ärztliche Überwachung laut Experten der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) ausdrücklich nicht zu empfehlen. Es besteht ein Risiko für Nierenversagen oder Herzrhythmusstörungen. Zudem konnte in einer früheren Studie kein Nutzen einer Hochdosis-Therapie mit bis zu 10.000 I.E. täglich im Hinblick auf die Konversion von einem klinisch isolierten Syndrom zu einer MS gezeigt werden. Bis dato ist eine krankheitsmodifizierende Immuntherapie erste Wahl. Die Rolle von Vitamin D zu Krankheitsbeginn ist jedoch klar, ein Mangel ist immer auszugleichen.

Quellen

Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Verlangsamt Vitamin D die Krankheitsaktivität der Multiplen Sklerose im Frühstadium? Pressemitteilung vom 17.03.2025.

Thouvenot E, Laplaud D, Lebrun-Frenay C, et al. High-dose vitamin d in clinically isolated syndrome typical of multiple sclerosis: the D-lay ms randomized clinical trial. JAMA 2025, published online March 10, 2025. doi:10.1001/jama.2025.1604.

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