Vitamin D – Therapeutisches Potenzial und Herausforderungen

Am 4. Juni findet das nächste MMP-Webinar zum Thema Vitamin D statt. Ein Vitamin, über das in letzter Zeit unheimlich viel publiziert und diskutiert wird. Wir haben den Referenten Dr. Dirk Keiner, Leiter der Zentralapotheke des Sophien- und Hufelandklinikums in Weimar, gefragt, ob es sich nur um einen Hype handelt. Lesen Sie mehr im Interview.

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Dr. Dirk Keiner, Weimar

Vitamin D ist in aller Munde. Über kaum ein anderes Vitamin ist in den letzten Jahren so viel publiziert und diskutiert worden. Ist das nur ein Hype?

Das große, ja schon spektakuläre, Interesse zeigt sich an rasant steigenden Publikationen seit 2003 (PubMed); vor allem bei den Veröffentlichungen zur Vitamin-D-Supplementierung. Der evidenzbasierte Nutzen für präventive wie therapeutische Managementmaßnahmen ist dabei bisher sehr gering. Die Liste der Kritikpunkte ist lang. Zu nennen sind beispielsweise das Studiendesign (Beobachtungsstudien > randomisierte, kontrollierte Studien [RCT]), die Studiendauer (meist sehr kurz), die unterschiedlichen Dosierungen (Menge der Internationalen Einheiten [I.E.] und Intervall), Ausschlusskriterien aber auch unterschiedliche labordiagnostische Aspekte.

Gibt es spezielle Risikogruppen für einen Vitamin-D-Mangel?

Im klinischen Alltag sind einige Risikosituationen sehr gut beschrieben, bei denen wir an eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung denken (sollten). In der Geriatrie existiert ein hoher Patientenanteil mit insuffizienten Blutspiegeln. In der Onkologie ist der knochenprotektive Effekt der Bisphosphonate ebenfalls vom Vitamin-D-Spiegel abhängig und viele Krebsmedikamente können den Vitamin-D-Spiegel negativ beeinflussen. Aber auch die Mehrzahl der Schwangeren in Deutschland ist von einem Vitamin-D-Mangel betroffen. Fortführen lässt sich der Mangel ebenso bei Kindern.

Kann man seinen Vitamin-D-Bedarf mit Sonnenbaden und Fischkonsum decken?

Das Sonnenbad sichert 90 Prozent und die Ernährung 10 Prozent des notwendigen Blutspiegels. Die Tatsache eines Nord-Süd-Gefälles bei verschiedenen Autoimmunerkrankungen (Multiple Sklerose, Morbus Crohn, Rheumatoide Arthritis) zeigt sehr eindrucksvoll die geographische Abhängigkeit der Vitamin-D-Produktion. Ein insuffizienter Vitamin-D-Spiegel lässt sich durch eine entsprechende Ernährung nur begrenzt erhöhen. Um 400 IE Vitamin D zuzuführen, müsste man beispielsweise 12 Liter Milch, 8 Eier, 1,5 kg Vollfettkäse oder 200 g fetten Fisch verzehren.

Auch sollten wir Migranten in die präventiven Strategien schnell einbeziehen, da die Vitamin-D-Eigenproduktion in Deutschland im Vergleich zu den Heimatländern massiv reduziert ist (Migranten-Osteomalazie).

Neben dem Hauttyp und der Jahreszeit spielt vermutlich auch die Höhe des Lichtschutzfaktors (LSF > 30) beim Sonnenschutz eine Rolle. Das ist relevant für die Patientenberatung in Bezug auf den Sonnenschutz beim längeren Einsatz bestimmter Arzneimittel wie Azathioprin, TNF-Inhibitoren oder Methotrexat.

Was sollte man Patienten in der Apotheke empfehlen, die eigenmächtig Vitamin D substituieren möchten?

Orales Vitamin D3 ist preiswert, potenziell sicher und Mittel der Wahl bei einem Vitamin-D-Defizit. Aktuelle Daten zeigen keinen präventiven Effekt einer Supplementierung (2000 IE täglich) auf kardiovaskuläre Erkrankungen bei gesunden Frauen und Männern im Alter um die 57 Jahre. Die individuelle Entscheidung hängt wie immer von vielen Faktoren ab (z.B. Geschlecht, Alter, BMI, Komedikation). Vitamin-D-Dosen von 800 – 1000 IE Vitamin D3 können sich bei kranken Patienten als uneffektiv erweisen.

Vitamin-D-Spiegelbestimmungen (Biomarker: 25-OH-Vitamin-D3) mit überschaubaren (Selbst)-Kosten helfen, die medizinische Substitutionsnotwendigkeit einzuschätzen und daraus die benötigte Vitamin-D-Menge zu ermitteln. Folgekontrollen sind ratsam (> 3 Monate), obwohl bei vielen Erkrankungen kein minimaler Zielblutspiegel definiert ist.

Es gibt Vitamin-D-Präparate in zahlreichen Dosierungen mit unterschiedlichen Einnahmefrequenzen. Sehen Sie das im Hinblick auf die Arzneimitteltherapiesicherheit kritisch?

Nein – wenn der Patient gut informiert ist. Die bekannte Intoxikation Hyperkalzämie ist bei hohen täglichen Vitamin-D-Dosen (10.000 I.E. und 50.000 I.E.) bei älteren Patienten aufgetreten. Die tägliche Applikation geringer Mengen führt zu einem langsameren Blutspiegelanstieg als höhere Mengen in größeren Abständen (wöchentlich, monatlich). Letztlich wird der gleiche Blutspiegel erreicht. Die Adhärenz des Patienten ist dann entscheidend. Bei schneller Spiegelkorrektur ist eine Loading-Dosis notwendig. Spezifische sichere Managementstrategien auch in Bezug auf den Vitamin-D-Einsatz fehlen und werden dringend für „Real-life-Bedingungen“ benötigt.

Möchten Sie noch mehr zum Thema Vitamin D erfahren? Das Webinar findet am 4. Juni von 20:00 bis 21:00 Uhr statt. Jetzt kostenlos anmelden!