Ein Arzneimittel, das in der ersten Zeit der Coronapandemie häufig off Label angewendet wurde, war Hydroxychloroquin. Im weiteren Verlauf belegten Studien eine erhöhte Sterblichkeit unter der Behandlung. Wie viele Todesfälle der Einsatz verursacht hat, sollte eine aktuelle Studie klären.
Spätere Studien belegen erhöhte Mortalität unter Hydroxychloroquin
Zu Beginn der Coronapandemie standen bekanntermaßen keine spezifischen Arzneimittel gegen COVID-19 zur Verfügung. Eine Strategie war demnach vielerorts, andere Medikamente mit antiviraler Aktivität oder mit In-vitro-Aktivität gegen SARS-CoV-2 off Label einzusetzen.
Einer dieser umgewidmeten Wirkstoffe war Hydroxychloroquin, das in Deutschland für die Behandlung von rheumatoider Arthritis, juveniler idiopathischer Arthritis, systemischem Lupus erythematodes und zur Malariaprophylaxe und -therapie zugelassen ist.
Hydroxychloroquin kam sehr früh zu Beginn der Pandemie 2020 zum Einsatz, bis später im Jahr erste Studien ein ungünstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis zeigten. Die RECOVERY-Studie belegte eine signifikant höhere kardiovaskuläre Sterblichkeit, eine Metaanalyse wies eine um 11% erhöhte Gesamtmortalität aus.
In einer aktuellen Metaanalyse sollte nun geklärt werden, wie viele Todesfälle durch die Gabe von Hydroxychloroquin in der frühen Phase der Pandemie verursacht wurden, als noch keine Evidenz zur Anwendung bei COVID-19 vorlag. Dementsprechend waren Studien ausgeschlossen, in denen Patienten den Wirkstoff noch nach August 2020 erhielten.
Mehr Tote wegen Hydroxychloroquin?
Die Autoren schlossen 44 Kohortenstudien aus Belgien, Frankreich, Italien, Spanien, der Türkei und den USA in die Analyse ein. Für die Berechnung der Todesfallzahlen bezogen sie die Hospitalisierungs-, Mortalitäts- und Hydroxychloroquin-Behandlungsraten ein. Daraus ergab sich, dass geschätzt 16.990 Menschen in den untersuchten Ländern durch die Hydroxychloroquin-Gabe gestorben waren (Belgien: 240; Frankreich: 199; Italien: 1822; Spanien: 1895; Türkei: 95; USA: 12.729).
Die Behandlungsraten der mit COVID-19 hospitalisierten Patienten waren sehr unterschiedlich (von 16% in Frankreich bis 84% in Spanien) und die Todesfallzahlen da besonders hoch, wo der Wirkstoff häufig eingesetzt wurde.
Zu unkritischer Einsatz von Hydroxychloroquin
Die Autoren räumen ein, dass es sich bei den Zahlen um Schätzungen handelt. Diese sind mit gewissen Ungenauigkeiten behaftet sind, da die zugrunde liegende Datenqualität teilweise niedrig war. Diese reichten aber aus, um zu belegen, wie problematisch ein Repurposing von Arzneimitteln ohne entsprechende zugrundeliegende Evidenz ist. Ärzte sollten also Arzneimittel nur off Label verordnen, wenn aufgrund vorliegender Daten mit einem Nutzen für den Patienten zu rechnen ist.
Insgesamt stelle diese Studie nur die Spitze des Eisbergs da, da die Daten lediglich aus sechs Ländern stammen. Da der Wirkstoff weltweit eingesetzt wurde, dürften laut den Autoren insgesamt deutlich mehr Menschen wegen der Hydroxychloroquin-Gabe gestorben sein.
Die Autoren kritisieren zudem, dass zu Beginn der Pandemie zu viele Wissenschaftler oder auch Angehörige von Gesundheitsbehörden auf Basis persönlicher Meinungen den Einsatz von Hydroxychloroquin empfohlen haben, obwohl keine offiziellen Untersuchungen vorlagen. Auch sei beispielsweise in den USA die Erlaubnis der FDA für den Notfalleinsatz häufig mit einer regulären Zulassung für die Indikation COVID-19 verwechselt worden, was zu einem häufigen Einsatz geführt habe.
Quelle
Pradelle A, et al. Deaths induced by compassionate use of hydroxychloroquine during the first COVID-19 wave: an estimate. Biomed Pharmacother 2024:171:116055. https://doi.org/10.1016/j.biopha.2023.116055