Die GLP-1(Glucagon-like peptide-1)-Rezeptoragonisten Semaglutid und Co werden immer häufiger in der Diabetologie und Adipositas-Therapie eingesetzt, jedoch nicht ohne Nebenwirkungen. In einer Metanalyse wurde der mehrfach diskutierte Zusammenhang einer Therapie mit dieser Wirkstoffgruppe und dem Risiko für Schilddrüsenkrebs unter die Lupe genommen.
GLP-1-RA in der Diskussion
Aufgrund ihres positiven Einflusses auf die glykämische Kontrolle werden GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) sowohl in der Diabetologie als auch zur Gewichtkontrolle bei Adipositas vermehrt eingesetzt. Neben ihrer blutzuckersenkenden Wirkung zeigen aktuelle Studien, dass GLP-1-RA auch das kardiovaskuläre Risiko senken können. Doch nicht nur positive Effekte werden GLP-1-RA zugeschrieben: Schon häufiger war die Wirkstoffgruppe unter Verdacht, dass Risiko für Schilddrüsenkrebs anzuheben. Erst im Oktober 2023 hat der Pharmakovigilanzausschuss der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) jedoch Entwarnung gegeben: Die derzeit verfügbare Evidenz deute nicht auf einen Zusammenhang zwischen GLP-1-RA-Therapie und Schilddrüsenkrebs hin. In einer aktuellen Metaanalyse wurde der Sachverhalt erneut untersucht – mit gegenteiliger Aussage.
Mehr Fälle von Schilddrüsenkrebs unter GLP-1-RA
Für die Metaanalyse wurden 64 randomisierte klinische Studien mit einer Laufzeit von mindestens 52 Wochen herangezogen, in denen die Wirkung folgender GLP-1-RA im Vergleich zu Placebo oder einer Vergleichssubstanz untersucht wurde:
- Liraglutid in 26 Studien
- Semaglutid in 17 Studien
- Exenatid in 16 Studien
- Dulaglutid in 9 Studien
Die GLP-1-RA wurden als Therapie für Diabetes (48 Studien) oder Übergewicht (16 Studien) eingesetzt. Insgesamt trat bei 26 (69.909 Patienten) der 64 Studien mindestens ein Fall von Schilddrüsenkrebs auf.
Für die GLP-1-RA Behandlung konnte mit 60 versus 26 Schilddrüsenkrebs-Fällen im Vergleichsarm ein signifikant höheres Risiko für Schilddrüsenkrebs bestimmt werden, mit einem Mantel-Haenszel Odds-Ratio (MH-OR) von 1,52 (95%-Konfidenzintervall [KI] 1,01–2,29; p=0,04). Das Risiko war auch dann signifikant erhöht, wenn ausschließlich Studien mit einer Laufzeit von mindestens 104 Wochen in die Analyse eingeschlossen wurden (MH-OR 1,76; 95%-KI 1,00–3,12; p=0,05).
Klinische Relevanz bleibt unklar
Die Studienautoren schlussfolgern, dass die Behandlung mit GLP-1-RA insgesamt wohl ein moderat höheres Risiko für Schilddrüsenkrebs birgt. Die Ergebnisse ähneln denen einer Beobachtungsstudie, deren Ergebnisse im Februar 2023 veröffentlich wurden. Um die tatsächliche klinische Relevanz dieses Zusammenhangs zu erfassen sind jedoch weitere Studien notwendig. Weiterhin interessant ist, dass sich GLP-1-RA im Bezug auf andere Tumorentitäten bereits als positiv erwiesen haben: So geht die Anwendung dieser Wirkstoffklasse laut einer weiteren aktuellen Studie mit einem reduzierten Risiko für Darmkrebs bei Diabetes Typ 2 einher.
Quelle
Silverii GA, et al. Glucagon-like peptide-1 receptor agonists and risk of thyroid cancer: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Diabetes Obes Metab 2023. Epub ahead of print.