Schubförmige MS: Neue Therapieansätze zeigen Wirkung

Bis Patienten mit schubförmig-remittierender multipler Sklerose (MS) schwere anhaltende Behinderungen bekommen, vergeht inzwischen mehr Zeit als noch vor zehn Jahren. Das ergab eine schwedischen Studie mit mehr als 7000 MS-Patienten.

In der Studie basierend auf Daten des schwedischen MS-Registers wurden Patienten mit einer zwischen 1995 und 2010 diagnostizierten MS eingeschlossen und bis 2016 nachbeobachtet.

Das Fortschreiten der Behinderung ermittelten die Studienautoren zu verschiedenen Zeitpunkten anhand des EDSS (Expanded-Disability-Status-Scale)-Score. Besonderes Augenmerk richteten sie auf das Erreichen von 3, 4 und 6 Punkten:

  • 0,0: normale neurologische Untersuchung
  • 3,0: mäßige Behinderung
  • 4,0: ohne Hilfe und Pause gehfähig für 500 m, aktiv während circa 12 Stunden pro Tag trotz relativ schwerer Behinderung
  • 6,0: vorübergehende oder ständige Unterstützung nötig
  • 10: Tod infolge der MS

Von den 7331 Patienten, die zwischen 1995 und 2010 in die Studie eingeschlossen wurden, waren 5196 Patienten (70,9 %) weiblich. Die Patienten waren im Mittel 38,3 Jahre alt. Die Ergebnisse zeigten, dass bei der schubförmig-remittierenden MS das Risiko pro Kalenderjahr

  • einen EDSS-Score von 3,0 zu erreichen, um 3 %,
  • einen EDSS-Score von 4,0 zu erreichen, um 6 % und
  • einen EDSS-Score von 6,0 zu erreichen, sogar um 7 % sank.

Bei der progressiven MS wurde dieser Trend nicht beobachtet.

Neue Therapien als Erklärungsansatz

Was spricht nun dafür, dass die neuen Arzneimittel für diese Entwicklung verantwortlich sind? Den Autoren zufolge ist es die Tatsache, dass sich die Verzögerung der Progression nur bei der schubförmig-remittierenden MS wiederfindet, also der MS-Form, für die die neueren Arzneimittel (Fingolimod, Natalizumab, Alemtuzumab) zugelassen sind (und die 85 % der MS-Fälle betreffen). Im Bereich der primären progressiven MS (ca. 10 bis 15 % der MS-Fälle), für die es mit Ocrelizumab erst seit Anfang 2018 eine Zulassung gibt, ist die Krankheitsprogression nach wie vor zeitlich unverändert und entspricht dem Niveau von vor 10 Jahren.

Situation in Deutschland: Aktuell bekannte unerwünschte Arzneimittelwirkungen

Bei der hochaktiven Form der MS werden die neueren Arzneimittel bevorzugt eingesetzt. Diese Arzneimittel sind meist sehr effizient, was die Verzögerung der Krankheitsprogression angeht. Allerdings können sie auch schwerwiegende Nebenwirkungen zur Folge haben. Natalizumab wurde mit dem Auftreten von PML (Progressive Multifokale Leukoenzephalopathie) in Verbindung gebracht. PML ist zwar eine seltene, aber tödliche und nicht behandelbare Komplikation. Daclizumab wurde aufgrund von schweren Enzephalitiden und Meningoenzephalitiden vom Hersteller wieder vom Markt genommen. Für Alemtuzumab liegen seit Kurzem Anwendungsbeschränkungen vor, nachdem von schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen, neu identifizierter Autoimmunhepatitis und hämophagozytischer Lymphohistiozytose berichtet wurde (PDF Rote Hand Brief). Über die Langzeitfolgen der Therapien ist außerdem wenig bekannt. Im Fall von Natalizumab und Fingolimod sind bei einigen Patienten nach Absetzen des Arzneimittels deutliche Verschlechterungen des Zustands zu beobachten.

Vorsichtige Risiko-Nutzen-Abwägung erforderlich

Wie ist also das richtige Vorgehen bei einer MS-Diagnose? Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Leitlinien helfen zwar bei der Behandlungsentscheidung, aber der tatsächliche Verlauf der Erkrankung für einen einzelnen Patienten lässt sich nicht vorhersagen. Günstige Prognosen liegen vor, wenn der Patient jünger bei der Diagnose ist und früher therapiert wird. Ungünstige Faktoren sind zum Beispiel ein höheres Alter bei Diagnose, eine von Beginn an progressive Form der MS oder auch bestimmte Lebensstilfaktoren, wie Rauchen. Es bleibt also weiterhin eine Einzelfallentscheidung, was die beste und sicherste Therapie für einen MS-Patienten ist.

Lesen Sie hier, welchen Einfluss die Initialtherapie auf die sekundär-progrediente MS hat sowie die Einschätzung von Prof. Diener.

Quelle

Beiki O, et al. Changes in the Risk of Reaching Multiple Sclerosis Disability Milestones In Recent Decades – A Nationwide Population-Based Cohort Study in Sweden. JAMA Neurol. 2019 Mar 18. doi: 10.1001/jamaneurol.2019.0330.