Warum zweifach, wenn es auch dreifach geht: Retatrutid, ein GIP-, GLP-1- und Glucagon-Rezeptor-Agonist, reduzierte in einer aktuellen Phase-III-Studie bei Menschen mit Typ-2-Diabetes signifikant den HbA1c-Wert und das Körpergewicht.
TRANSCEND-T2D-1 bestätigt Ergebnisse der Phase-II-Studie
Retatrutid ist ein dreifacher Hormonrezeptor-Agonist (GIP, GLP-1 und Glucagon), der sich derzeit in der Entwicklung zur Behandlung von Typ-2-Diabetes, Adipositas und damit verbundenen Komplikationen befindet. Nachdem eine Phase-II-Studie gezeigt hatte, dass sich unter dem Wirkstoff HbA1c-Wert und Körpergewicht signifikant senken ließen, sollten in der nun publizierten randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Phase-III-Studie TRANSCEND-T2D-1 Wirksamkeit und Sicherheit als Monotherapie bei Menschen mit Typ-2-Diabetes in einer größeren Patientenpopulation bestätigt werden.
Die Studie lief über 40 Wochen. Eingeschlossen waren Erwachsene mit Typ-2-Diabetes (unzureichend eingestellt durch Diät und Bewegung allein), einem HbA1c-Wert zwischen 7,0% und 9,5% (53–80 mmol/mol) und einem BMI von mindestens 23 kg/m². Die Teilnehmenden wurden nach dem Zufallsprinzip 1:1:1:1 Retatrutid einmal wöchentlich s.c (4 mg, 9 mg bzw. 12 mg) oder Placebo zugeteilt.
Primärer Endpunkt war die Veränderung der HbA1c-Konzentration vom Ausgangswert bis Woche 40. Ein wichtiger sekundärer Endpunkt war die prozentuale Veränderung des Körpergewichts vom Ausgangswert bis Woche 40.
Signifikante und klinisch relevante Verbesserungen
Insgesamt wurden 537 Teilnehmende (55 % weiblich) randomisiert: 134 erhielten Retatrutid 4 mg, 133 Retatrutid 9 mg, 136 Retatrutid 12 mg und 134 Placebo. Das mittlere Alter zu Studienbeginn lag bei knapp 49 (±12) Jahren. Die mittlere HbA1c-Konzentration betrug 7,9% (±1,1), die mittlere Diabetesdauer 2,5 Jahre (±4,4) und der mittlere BMI 35,8 kg/m² (±7,0). 490 (91 %) Teilnehmende schlossen den Behandlungszeitraum mit dem Studienmedikament ab, 504 (94 %) beendeten die Studie.
Die mittlere Änderung der HbA1c-Konzentration gegenüber dem Ausgangswert betrug
- –1,69% (Standardfehler [SE] 0,11) unter Retatrutid 4 mg
- –1,86% (SE 0,10) unter Retatrutid 9 mg
- –1,94% (SE 0,08) unter Retatrutid 12 mg
- –0,81% (SE 0,12) unter Placebo
Daraus ergaben sich geschätzte Behandlungsunterschiede gegenüber Placebo von
- –0,88 Prozentpunkten (95%-Konfidenzintervall [KI] –1,18 bis –0,59) für Retatrutid 4 mg
- –1,04 Prozentpunkten (95%-KI –1,32 bis –0,76) für Retatrutid 9 mg
- –1,12 Prozentpunkten (95%-KI –1,39 bis –0,85) für Retatrutid 12 mg (jeweils p < 0,0001).
Die mittlere prozentuale Änderung des Körpergewichts gegenüber dem Ausgangswert betrug –11,5 % unter Retatrutid 4 mg, –13,9 % unter 9 mg und –15,3 % unter 12 mg, verglichen mit –2,6 % unter Placebo.
Außerdem verbesserten sich kardiometabolische Parameter wie das Lipidprofil oder der Blutdruck: Die Triglyceridwerte verbesserten sich im Studienverlauf um 27%, 34% bzw. 27% versus 3% unter Placebo. Das Non-HDL-Cholesterin sank um 16% bis 17% versus 4%. Ausgehend von einem mittleren Ausgangswert von 124,9 mmHg verringerte sich der systolische Blutdruck um 5,0 mmHg, 4,7 mmHg bzw. 5,4 mmHg unter Retatrutid 4, 9 bzw. 12 mg – verglichen mit 1,5 mmHg unter Placebo.
Unerwünschte Wirkungen: typische gastrointestinale Beschwerden
Das Profil der unerwünschten Ereignisse entsprach dem von Molekülen mit GLP-1-Agonisten-Aktivität. Unter Retatrutid traten überwiegend leichte bis mittelschwere gastrointestinale Beschwerden auf, die im Verlauf abklangen. Die Abbruchraten aufgrund unerwünschter Ereignisse lagen bei 2–5% unter Retatrutid und bei 0% unter Placebo. Es wurden keine schweren Hypoglykämien gemeldet. Während der Studie traten zwei Todesfälle in der Gruppe mit Retatrutid 4 mg auf, die jedoch nicht mit dem Studienmedikament in Zusammenhang standen.
Fazit der Studienautoren
Ein selektiver GLP-1-Rezeptor-Agonismus kann, so die Autoren, den HbA1c-Wert bis auf etwa 6,5 % reduzieren. Mit zusätzlicher GIP-Co-Agonisten-Aktivität ließe sich der Wert unter 6 % senken, also in Richtung eines nahezu normoglykämischen Bereichs.
Die Ergebnisse der TRANSCEND-T2D-1-Studie deuten an, dass Retatrutid bei einmal wöchentlicher Gabe eine Option als Erstlinientherapie für Menschen mit Typ-2-Diabetes im Frühstadium ohne begleitende antihyperglykämische Medikation sein könnte. Als mögliche Limitation der Studie führten die Autoren die weitgehend medikationsnaive Studienpopulation auf: Sie schränke die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse auf die breitere Gruppe von Menschen mit Typ-2-Diabetes ein, die möglicherweise bereits verschreibungspflichtige antihyperglykämische Medikamente oder eine Insulintherapie erhalten.
Im Rahmen weiterer klinischer Studien des TRANSCEND-T2D-Programms wird Retatrutid für den Einsatz bei verschiedenen Patientengruppen mit Typ-2-Diabetes untersucht, unter anderem im direkten Vergleich mit anderen verfügbaren Therapien wie Semaglutid und Tirzepatid. Zudem laufen Studien zu Adipositas.
Quellen
Bajaj HS, Welch M, Shah P, et al. Efficacy and safety of retatrutide, a GIP, GLP-1, and glucagon receptor agonist, in people with type 2 diabetes and inadequate glycaemic control with diet and exercise (TRANSCEND-T2D-1): a double-blind, randomised, phase 3 trial. Lancet. 2026;407(10546):2402–2413. doi:10.1016/S0140-6736(26)00967-0.
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