Viel hilft viel? Jeder braucht eine Extraportion? Es kursiert viel Halbwissen um Vitamin D. Was sagt ein Experte zu den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen?
Im Winter vom Sommer zehren
Ein Vitamin-D-Mangel ist unter anderem mit Immunschwäche, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen und Diabetes mellitus assoziiert, auch wenn die Kausalität nicht für alle diese Erkrankungen nachgewiesen wurde. Unstrittig ist das erhöhte Risiko für Knochenabbau und Osteoporose bereits bei leichtem Mangel.
Ein Zuwenig entsteht bei Mangel an Sonnenbestrahlung, wenn in der Haut nicht genug des aktiven Hormons Calcitriol produziert werden, bestätigte Priv.-Doz. Dr. med. Dr. habil. Stephan Scharla, Bad Reichenhall, in einer Online-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Dabei ist die reduzierte UV-Strahlung im Winter nicht zwangsläufig ein Argument für eine Supplementation, denn nun profitiert der Körper von den im Sommer gefüllten Vitaminspeichern.
Wer braucht das Extra-D?
Neben der regelhaften Supplementation im Säuglingsalter zur Rachitis-Vorbeugung wird eine Ergänzung für Kinder und Jugendliche empfohlen. Denn bei ihnen sind eine ausreichende Sonnenexposition und gesunde Lebensweise oft nicht mehr gegeben. Darüber hinaus erhalten Schwangere fast immer Kombipräparate mit Jod, Folsäure und eben Vitamin D. Last but not least gibt es Erkrankungen, die eine Vitamin-D-Behandlung erfordern, wie Osteoporose oder Magen-Darm-Erkrankungen.
Eine weitere Zielgruppe sind Hochbetagte, die nicht mehr so gut Vitamin D bilden können und selten ins Freie gehen. Besondere Risikogruppen sind Menschen mit dunkler Hautpigmentation, Nachtschichtarbeiter sowie Menschen, die kulturell bedingt verhüllende Kleidung tragen. In Interventionsstudien wurden positive Effekte einer Vitamin-D-Supplementation auf den Knochen- und Mineralhaushalt bei diesen Personen nachgewiesen.
Wer könnte noch profitieren?
Andere Interventionsstudien zeigten gute Effekte bei älteren Menschen zur Verminderung der Sturzhäufigkeit und Frakturprävention sowie zur Verminderung der Sterblichkeit. Vitamin D konnte auch die Mortalität bei Krebserkrankungen senken. Laut Metaanalysen kann Vitamin D das Risiko für Autoimmunerkrankungen leicht senken und bei älteren Menschen das Risiko für Atemwegsinfektionen vermindern.
In den Wechseljahren zur Osteoporoseprävention wird eine Supplementation von den Fachgesellschaften nicht generell empfohlen, aber bei vorliegenden Risikofaktoren oder im Winter spricht nichts dagegen, so Scharla. Hinweise gibt eine Messung des 25-Hydroxy-Vitamin-D im Blutserum: Als Richtwert gilt 50–125 nmol/l, ein Mangel liegt bei < 30 nmol/l vor. Allerdings ist nicht jeder, der einen niedrigen Spiegel hat, krank, betonte der Experte. Je nach Lebensweise sprach sich Scharla im Zweifel dennoch pro Supplementation aus.
Wer braucht’s nicht?
Gesunde Erwachsene mit normaler Lebensweise benötigen keine Supplementation. Interventionsstudien konnten bei ihnen keine positiven Effekte hinsichtlich Knochenbruchrate, Sturzrate, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Infektionen nachweisen.
Wie viel soll es sein?
Die empfohlene Dosierung liegt zwischen 800 und 3000 Einheiten täglich. Die tägliche Einnahme ist höher dosierten Bolus-Gaben im Intervall vorzuziehen. Zu hohe Dosierungen können den Blutcalcium-Spiegel anheben und zu Gefäß- und Nierenverkalkungen führen. Selbst bei normalen Blutcalcium-Werten kann der Knochenabbau durch zu viel Vitamin D bereits gesteigert sein und das Frakturrisiko steigen.
Aufgrund großer Qualitätsunterschiede bei Vitamin-D-Präparaten empfahl Scharla unbedingt Arzneimittel aus der Apotheke. Denn sie garantieren eine definierte Konzentration, anders als Nahrungsergänzungsmittel.
Quelle
Priv.-Doz. Dr. med. Dr. habil. Stephan Scharla, Bad Reichenhall. Vitamin D im Faktencheck: Wer profitiert von der Einnahme? Online-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie e.V. (DGE) am 27. November 2025.
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