In einer aktuellen Studie profitierten Dialysepatienten von der täglichen Einnahme von Fischöl. Sie erlitten seltener schwere kardiovaskuläre Ereignisse als Patienten unter Placebo.
Hohe kardiovaskuläre Sterblichkeit
Über 3,8 Millionen Menschen weltweit werden mit Nierenersatzverfahren (überwiegend Hämodialyse) wegen terminaler Niereninsuffizienz behandelt. Kardiovaskuläre Erkrankungen sind die Haupttodesursache in dieser Patientengruppe. Die kardiovaskuläre Sterblichkeit ist ungefähr 20-mal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Präventionsmöglichkeiten sind jedoch für Dialysepatienten begrenzt.
Bereits vor über 50 Jahren wurde der positive Einfluss von Omega-3-Fettsäuren auf das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen beschrieben, allerdings ist die Wirksamkeit nach wie vor umstritten. In einer aktuellen Studie sollte nun der Effekt von Omega-3-Fettsäuren auf das kardiovaskuläre Risiko von Dialysepatienten untersucht werden.
Studie: Fischöl vs. Maisöl
An der doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten Studie nahmen 1228 Patienten teil. Sie erhielten entweder 4 g Omega-3-Fettsäuren pro Tag oder Placebo (Maisöl). Der Anteil kardiovaskulär vorerkrankter Patienten war in beiden Gruppen ähnlich hoch (64,3% und 65%), über 80% der Patienten beider Gruppen hatten Bluthochdruck.
Der zusammengesetzte primäre Endpunkt umfasste verschiedene schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (plötzlicher und nichtplötzlicher Herztod, tödlicher und nichttödlicher Myokardinfarkt, periphere arterielle Verschlusskrankheit mit Amputation sowie tödlicher und nichttödlicher Schlaganfall). Sekundäre Endpunkte waren unter anderem die einzeln für sich betrachteten Ereignisse des primären Endpunktes. Das Follow-up lief über dreieinhalb Jahre.
Vorteil Fischöl
Die Rate schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse war in der Fischölgruppe fast 40% und damit signifikant niedriger als in der Placebo-Gruppe (Hazard-Ratio [HR] 0,57). Auch Herzinfarkte, Schlaganfälle und periphere Gefäßerkrankungen, die zu einer Amputation führten, waren seltener (HR 0,56; 0,37; 0,57). Der Vorteil zeigte sich gleichermaßen bei Patienten mit und ohne kardiovaskuläre Ereignisse in der Vorgeschichte. Auch die Häufigkeit von unerwünschten Ereignissen unterschieden sich nicht wesentlich zwischen den Gruppen.
Warum ist die Wirkung trotz allem noch umstritten?
Studien in der Allgemeinbevölkerung haben über die Jahrzehnte Fischöl als Präventionsmaßnahme für Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersucht – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Mal wird ein starker Nutzen nachgewiesen, mal hat die Einnahme von Fischöl keinen Effekt, der über Placebo hinausgeht. Ein Erklärungsversuch der Autoren der vorliegenden Studie ist die unterschiedliche Zusammensetzung und Darreichung der Fischölsupplementation.
Fischöl ist reich an Omega-3-Fettsäuren und darunter hauptsächlich Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA), denen eine Reihe potenziell positiver Wirkungen zugeschrieben wird, darunter antithrombotische, entzündungshemmende, lipidsenkende, antiarrhythmische und kardiovaskuläre Effekte. Unterschiedliche Verhältnisse von EPA und DHA in den Präparaten können die Wirksamkeit beeinflussen. Genauso kann die Verwendung einer Ethylester-Formulierung (langsamere und kontrolliertere Freisetzung von Fettsäuren) gegenüber Carbonsäureverbindungen (freie Fettsäuren mit rascher oraler Bioverfügbarkeit) einen Unterschied machen. Auch die Zusammensetzung der Patientenpopulation könnte eine Rolle spielen.
Fischöl für alle Dialysepatienten?
Die Autoren resümieren, dass zumindest in ihrer Studie die Patienten unter Dialyse von der täglichen Einnahme von Fischölkapseln – viermal 1 g mit insgesamt 1,6 g EPA und 800 mg DHA in einer Ethylester-Formulierung – profitierten und seltener schwere kardiovaskuläre Ereignisse erlitten als Patienten unter Placebo.
In einem begleitenden Editorial wird jedoch Vorsicht angemahnt. Einerseits seien die berichteten Unterschiede im kardiovaskulären Risiko zwar beeindruckend, andererseits sei aber keine Generalisierbarkeit der Ergebnisse gegeben und der zugrundeliegende Wirkungsmechanismus nicht klar.
Überdies gebe es in der modernen Medizin zahlreiche Beispiele, in denen potenziell praxisverändernde, herausragende Ergebnisse früher Studien nicht repliziert werden konnten. Darüber hinaus waren schwerwiegende unerwünschte Ereignisse zwar in beiden Studiengruppen ähnlich, aber Infektionen und Atemwegskomplikationen wurden in der Fischölgruppe numerisch etwas häufiger gesehen. Da Infektionen die zweithäufigste Todesursache bei Patienten unter Erhaltungs-Hämodialyse sind, müsse dieser Aspekt weiter untersucht werden, so die Autoren des Editorials.
Die positiven Ergebnisse der vorliegenden Studie rechtfertigen aber Folgestudien zur Bestätigung. Bis dahin können Ärzte erwägen, ihren Patienten die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren zu empfehlen. Dabei sollten sie aber Vorsicht walten lassen, bis sicher ist, dass es sich tatsächlich um einen vielversprechenden Ansatz handelt.
Quellen
Lok CE, et al. Fish-Oil Supplementation and Cardiovascular Events in Patients Receiving Hemodialysis. NEJM 2025, published online November 7. DOI: 10.1056/NEJMe2515057
Causland FR, Charytan DM. Fish Oil for Patients Receiving Hemodialysis – Red Herring or Great Catch? NEJM 2025, published online November 7. DOI: 10.1056/NEJMoa2513032
Bildquelle: Kardiologie_mi_viri