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Diabetes im Alter: Was geht und was ist sinnvoll?

Altersbedingte Einschränkungen und Multimorbidität prägen das Diabetesmanagement bei Senioren. Manchmal sind dabei die Therapieziele zugunsten der Lebensqualität aufzuweichen, sind sich Experten einig.

Herausforderung alternde Patienten

Diabetes mellitus ist bei älteren Patienten meist nicht die einzige Erkrankung, erinnerte Michael Naudorf, Lindlar, in seinem Vortrag bei der Diabetes Herbsttagung 2025. Weitere Beschwerdebilder und Polypharmazie sind hier in der Regel ein Thema. Eine zusätzliche Herausforderung ist das erhöhte Risiko für Hypoglykämien und daraus resultierende Stürze oder kognitive Beeinträchtigungen bei alten Menschen. Infolgedessen sollte die Diabetestherapie nicht zu intensiv greifen, so der Diabetologe. Ebenfalls zu bedenken ist, dass ein Verfolgen strikter Blutzuckerziele die Lebensqualität stark beeinträchtigen kann.

Diabetesmanagement im Alter ist also immer ein Kompromiss und verlangt individuell angepasste Behandlungsziele. Das könne auch im Sinne einer partnerschaftlichen Entscheidung (shared decision making) bedeuten, dass Idealwerte nicht (mehr) angestrebt werden.

CGM, AID und Smart Pen auch mit 80

Glucosesensoren sind technisch zuverlässig und können das Hypoglykämierisiko senken. Technologien zur kontinuierlichen Glucosemessung (CGM) machen die Werte besser nachvollziehbar und erhöhen die Lebensqualität. Entsprechend empfehlen verschiedene Studienautoren und Leitlinien wie die „Standards of Care in Diabetes“ von der American Diabetes Association sowohl für ältere Typ-1- als auch Typ-2-Diabetiker deren Einsatz ausdrücklich.

Vorteilhaft sind laut Naudorf weiterhin Smart Pens, die die Einfachheit der Pen-Injektion mit den Vorteilen digitaler Dokumentation verbinden. Mit ihnen gelingt die Hypoglykämieprävention inklusive automatischer Injektionserinnerungen, die Therapiequalität wird verbessert und die Sicherheit steigt.

Voraussetzung für die Nutzung ist eine ausreichende kognitive Kompetenz oder die Unterstützung durch digital-affine Angehörige. Naudorf stufte 90% der Patienten so ein, dass sie erfolgreich und mit nur geringer Fremdhilfe Systeme zur automatisierten Insulinabgabe (AID) bedienen können. Sein Wunsch für die Zukunft ist eine spezielle Pumpe für Senioren sowie entsprechende Schulungen für Notfallsanitäter, die bei Hypoglykämien oft die Systeme entfernen. Ebenso müsse das technische Know-how in Pflegeheimen und Kliniken verbessert werden, wenn diese Patienten dort untergebracht werden.

Die reißen bei einer Hypoglykämie die Systeme ab, hängen Glucose an, liefern die Patienten in die Klink und lassen sie dann alleine.

Insulinpumpen bei Senioren

Typ-1-Diabetiker, die jahrelang mit Insulinpumpe gelebt haben, und bei denen altersbedingt aufgrund von Motorikstörungen, eingeschränkter Sehleistung oder Demenz eine Umstellung nötig ist, sind eine Herausforderung. Eine Systemumstellung ist oft mit Ängsten verbunden. Eine Umstellung auf ein neues System sollte daher dem bekannten möglichst ähnlich sein. Ein Lösungsansatz aus Naudorfs Praxis sind „Seniorengruppen“ für Schulungen, Informationsaustausch über verschiedene Systeme, deren Erprobung und Training.

Multimorbide Patienten

Den Aspekt Multimorbidität thematisierte auch Dr. med. Young Hee Lee-Barkey, Bad Oeynhausen, auf dem Kongress. Im Alter treten zusätzlich häufig chronische Schmerzen, kognitive Störungen, Inkontinenz, Ulzera, Depressionen sowie Polypharmazie auf.

Geriatrische Menschen sind oft stark belastet, ihre Gesundheit ist vulnerabel.

Der Anspruch ist eine möglichst intensive Diabetestherapie unter Berücksichtigung jeglicher vorhandenen Probleme. Eine patientenzentrierte Entscheidung unter Einbeziehen der wirklichen Lebenswelt ist anzustreben, bei der persönliche Präferenzen und Lebensqualität erhalten bleiben. Die Behandlung sollte nicht nur den individuellen funktionellen Status einbeziehen, sondern zusätzlich Frailty-Prävention bedeuten. Neben der glykämischen Kontrolle sind Polypharmazie, Dyslipidämie sowie der kardiovaskuläre Nutzen eingesetzter Wirkstoffe zu beachten.

Neurodegenerative Erkrankungen sollten frühzeitig erkannt und durch Betreuung und Begleitung behandelt werden. Das Hypoglykämie-Management kann durch Unterstützung durch Pflegende und Angehörige erfolgen. Das HBA1c-Ziel kann bei fitten Senioren bei <6,5 liegen und bis auf <8,0 für Ältere mit deutlichen Einschränkungen steigen. Für Bettlägerige und auf Fremdhilfe angewiesenen Senioren kann auch ein Glucoseziel komplett entfallen.

Quelle

Michael Naudorf, Dr.med. Young Hee Lee-Barkey. „Menschen im Alter – was geht? Was benötigen wir noch?“ und „Multimorbidität“. Diabetes Herbsttagung 2025 am 8. November 2025.

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