Auch übergewichtige Menschen können mangelernährt sein. Prof. Dr. Julia Szendrödi, Heidelberg, erläuterte damit einhergehende medizinische Herausforderungen bei einer Pressekonferenz anlässlich der Malnutrition Awareness Week 2025.
Vitamine und Spurenelemente fehlen
Trotz Überernährung hinsichtlich Körpergewichts und Kalorienaufnahme sind etwa 30% der adipösen Typ-2-Diabetiker mangelernährt. Das heißt, ihnen fehlen wichtige Mikronährstoffe wie verschiedene Vitamine und Spurenelemente wie Eisen und Zink.
Man erwartet eigentlich nicht, dass jemand, der überernährt ist – also ein Mensch mit Adipositas und Typ-2-Diabetes, aber auch mit Adipositas ohne Typ-2-Diabetes – mangelernährt sein kann.
Immunabwehr, Wundheilung und Muskelfunktion beeinträchtigt
Durch den Nährstoffmangel können Immunabwehr, Wundheilung und Muskelfunktion gestört sein. So haben Menschen mit Adipositas mit und ohne Diabetes beispielsweise häufig eine Sarkopenie (Muskelabbau), erläuterte Szendrödi. Patienten mit Diabetes leiden generell dreimal öfter an Muskelschwäche als Menschen ohne Diabetes. Dadurch entsteht wiederum ein Teufelskreis: Die Muskelschwäche führt zu Fatigue und Bewegungsmangel, was wiederum den weiteren Abbau der Muskulatur begünstigt. Darüber hinaus kann dies auch den Herzmuskel betreffen – eine Herzinsuffizienz ist die Folge.
Fehlen Zink und Vitamin C, ist die Wundheilung gestört, und ein Vitamin-D-Mangel, wie er bei rund 90% der Menschen mit Adipositas oder Diabetes vorliegt, kann die Entstehung einer Osteoporose fördern.
Wichtig: Screenen
Szendrödi betonte, dass es wichtig sei, adipöse Menschen auf Mangelernährung zu screenen. Die Stoffwechselveränderungen führen dazu, dass zwar die Kalorien aufgenommen, aber Nährstoffe schlechter resorbiert werden. Auch Ernährungskompetenz und sozioökonomische Faktoren müssen eruiert werden.
Wenn dann solche Menschen angehalten werden, Gewicht zu verlieren und davor nicht festgestellt wurde, ob ein Mikronährstoffmangel und eine Malnutrition vorliegen, wird dieser Zustand noch verstärkt.
Auch die eingesetzten Antidiabetika müsse man im Blick behalten, da manche den Nährstoffmangel oder die Muskelschwäche verstärken können wie Inkretine oder SGLT-2-Inhibitoren. Metformin kann die Resorption von Vitamin B12 reduzieren.
Es braucht interprofessionelle Ernährungsteams, damit diese Identifiziert und auch versorgt werden können. Die Ernährungstherapie ist eine wirksame, kosteneffiziente und menschenwürdige Intervention. Neben strukturell verankerten Screening-Programmen bedarf es außerdem einer angemessenen Vergütung, resümierte Szendrödi.
Quelle
Prof. Dr. Julia Szendrödi. Diabetes mellitus und Überernährung: unterschätzte Risikofaktoren für Nährstoffmangel. Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) anlässlich der Malnutrition Awareness Week 2025 „Mangelernährung im Überfluss: Herausforderungen für Medizin, Prävention und Versorgung“. 11. November 2025, online.
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