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Ernährungsmanagement bei Autismus-Spektrum-Störung

Oft als Komorbidität vorhanden, aber selten beachtet: Gastrointestinale Dysfunktionen bei einer Autismus-Spektrum-Störung lassen sich dank verschiedener Ernährungsstrategien reduzieren. Mehr noch: Diäten haben Auswirkungen auf die Grunderkrankung.

Kommunikation über Darm-Hirn-Achse

Bei Autismus-Spektrum-Störungen stehen krankheitstypische Schwierigkeiten sozialer und sensorischer Art im therapeutischen Mittelpunkt. Ebenso klinische Beobachtung verdienen unbedingt komorbide gastrointestinale Erkrankungen, so die Autoren einer aktuellen Übersichtsarbeit. Bekannt sind diese Zusammenhänge und die Bedeutung der Darm-Hirn-Achse durchaus.

Es treten vor allem Verstopfungen, ferner Durchfall, Blähungen, Bauchschmerzen sowie Malabsorption und ein Mangel an Verdauungsenzymen auf. Offenbar gehen ausgeprägte Verdauungssymptome sogar mit einem höheren Risiko für Angstzustände, Depressionen, geistige Behinderungen, Schlaflosigkeit und Nahrungsmittelallergien bei autistischen Kindern einher. Eine geringe Ernährungsqualität ist demnach sowohl mit schweren Magen-Darm-Symptomen als auch mit ausgeprägteren charakteristischen Autismus-Symptomen assoziiert. Standardempfehlungen für ein Ernährungsmanagement existieren derzeit jedoch nur in geringem Maße.

Was könnte dahinterstecken?

Wie diese Assoziation zu erklären ist, ist weitgehend unbekannt. Hypothesen gehen von einer Dysbiose im Darm aus. Konkret könnte ein abweichendes Verhältnis von pathogenen zu kommensalen Mikroorganismen vorliegen. Darmentzündungen und eine besondere sensorische Empfindlichkeit spielen vermutlich eine Rolle. Hinzu kommt ein tendenziell vermeidendes und selektives Essverhalten bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung. Last but not least verstärken die Gabe mehrerer Medikamente sowie die überempfindlichen Immunreaktionen aufgrund der Grunderkrankung die gastrointestinalen Störungen.

Mögliche Schlüsselmechanismen sind:

  • eine Überaktivierung von Opioidrezeptoren
  • eine erhöhte Darmpermeabilität
  • unausgewogene mikrobielle Metaboliten, die zu Tryptophanmangel und Hyperserotonämie führen
  • vagal vermittelte proinflammatorische Reaktionen

Sind Kohlenhydrate das Problem?

Ein möglicher Auslöser der Verdauungsstörungen ist ein intestinaler Mangel an Verdauungsenzymen. Durch den entstehenden unvollständigen Saccharidabbau entsteht mikrobielle Fermentation mit osmotischem Durchfall und Blähungen. Das Verabreichen der Enzyme Papain und Pepsin war bei autistischen Probanden signifikant vorteilhaft. Neben der erreichten Stuhlkonsistenz und einer Reduktion von Bauchschmerzen verbesserten sich auch Kernsymptome der Grunderkrankung wie emotionale Regulierung und sich wiederholende Verhaltensweisen.

Ein anderer Forschungsansatz ist die hohe Prävalenz von Candida-Spezies im Stuhl von Patienten mit Autismus-Spektrum-Störung. Die daraus folgende Behandlungsidee ist eine Anti-Candida-Ernährung ohne zugesetzten Zucker, raffinierte Kohlenhydrate und Wurstwaren.

Viele Ideen, kaum Evidenz

Was also tun? Die Autoren präsentierten in ihrer Arbeit einen Überblick über verschiedenste Maßnahmen zur Verbesserung von gastrointestinalen Störungen bei Autismus-Spektrum-Störung und deren klinische Evidenz. Untersuchungen lagen demnach für glutenfreie, kaseinfreie, ketogene und Low-FODMAP-Diäten vor. Darüber hinaus standen Studien zur Gabe von Multivitaminen – insbesondere Vitamin D und B12 –, Zink/Eisen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren, Antioxidanzien, Pro- und Präbiotika sowie Kokosöl und Kamelmilch zur Prüfung. Es gibt auch Ansätze für den Einsatz von Tryptophan, der bioaktiven Verbindung aus Kreuzblütlern mit Namen Sulforaphan sowie von sekundären Pflanzenstoffen wie Flavonoiden, Cannabinoiden und Curcuminoiden.

Schwache Datenlage

Da die bestehenden Untersuchungen sehr heterogen sind und es sich dabei teilweise um Fallberichte und sehr kleine Populationen handelte, ist die Evidenzlage schwierig. Inkonsistente Ergebnisse zur Wirksamkeit betrafen unter anderem die gluten- und kaseinfreie Diät (GF/CF). Sie ist zurzeit die am häufigsten angewendete Ernährungsintervention bei Autismus-Spektrum-Störung, viele Betroffene zeigen hier eine Sensibilität. Deren Nachteil ist der geringe Ballaststoffanteil – kontraproduktiv bei Verstopfungen. Vielversprechend waren auch die Low-FODMAP- und eine spezifische Kohlenhydratdiät ähnlich der Ernährung bei Kohlenhydratmalabsorption.

Zum Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln ergaben sich eher für kombinierte Nährstoffsupplementationen positive Effekte als für einzelne Substanzen. Eine US-amerikanische Arbeit beschrieb eine Linderung von Verstopfungen durch Magnesium- und Vitamin-C-Gabe in bis zu 27% der Fälle.

Zusammengefasst ist hier noch viel Forschungsarbeit, insbesondere zur Pathophysiologie, nötig, schließen die Studienautoren. Mit mehr qualitativ hochwertigen Studien und ganzheitlichen Managementstrategien wird die Ernährungstherapie aber zukünftig ein grundlegender Therapiebaustein bei Autismus-Spektrum-Störung sein.

Quelle

Wu Y, Wong OWH, Chen S, Ng SC, Su Q, Chan FKL. Gastrointestinal health and nutritional strategies in autism spectrum disorder. J Gastroenterol. 2025 Aug;60(8):933-946. doi: 10.1007/s00535-025-02269-1. Epub 2025 Jun 18. PMID: 40531376; PMCID: PMC12289859.

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