Beratungsgespräch Apotheke

Starker Nocebo-Effekt: Mehr Schmerzen hat, wer sie erwartet

Der Glaube versetzt Berge? Was Patienten in puncto Wirksamkeit beziehungsweise Unwirksamkeit einer Behandlung erwarten, entscheidet über die Therapie.

Manipulierte Erwartungen an Schmerzstärke

Keine Frage: Den Placebo-Effekt gibt es ebenso wie den Nocebo-Effekt. Eine Studie der Universität Duisburg-Essen setzt die Gewichtung der Erwartungshaltung jetzt in neues Licht. Forscher untersuchten das Ausmaß und die Persistenz von Placebo- und Nocebo-Effekten auf experimentelle Schmerzen bei gesunden Freiwilligen.

Anhand unterschiedlicher mündlicher Informationen und Konditionierungen mit verschiedenen Temperaturreizen wurden die Erwartungen der Probanden gezielt beeinflusst. Das geschah im Rahmen einer Anwendung eines scheinbaren „transkutanen elektrischen Nervenstimulationsgeräts“. Die Probanden wurden mittels dreier verschiedenfarbiger Hinweise konditioniert: entweder auf eine Verringerung von hitzeinduzierten Schmerzen (Placebo-Bedingung) oder eine Schmerzzunahme (Nocebo-Bedingung) oder auf keine Schmerzveränderung (Kontrollgruppe).

Konditioniert in die Testphase

Die Teilnehmer erhielten dann eine Schein-Elektrostimulation mit identischen mittleren Hitzereizen. Sie bekamen anhand der erlernten Hinweise die Information, dass die elektrische Stimulation mit unterschiedlichen Frequenzen die Schmerzwahrnehmung entweder erhöhen, verringern oder nicht beeinflussen würde.

Anschließend wurde die Schmerzwahrnehmung dahingehend untersucht, wie stark sich die Erwartungshaltung gegenüber nachfolgender Tests am selben Tag und nach einer Woche auswirkte. Die Schmerzreize wurden auf einer Skala von 0 bis 100 bewertet.

Schlechte Erwartung, schlechtes Ergebnis

Signifikante Placebo- und Nocebo-Effekte wurden an Tag 1 und Tag 8 festgestellt. Bemerkenswert: Die Nocebo-Effekte waren an beiden Testtagen stärker. Im Durchschnitt bewerteten die Probanden mit negativer Erwartung Schmerzen an Tag 1 um rund 11 Punkte höher als die Kontrolle. Eine positive Erwartung reduzierte die Schmerzbewertung um gut 4 Punkte. Der Effekt der negativen Erwartung war also doppelt so groß wie unter positiver Erwartung. Beide Effekte wurden in erster Linie durch die jüngsten Erfahrungen der Schmerzreduktion und -zunahme beeinflusst.

Nocebo mehr Einfluss als Placebo

Beim Test an Tag 8 war der Effekt ähnlich: Auch hier zeigte sich ein stärkerer Nocebo- als Placebo-Effekt. Der Nocebo-Effekt führte trotz gleicher Stimulationsintensität dazu, dass der Schmerz um rund 9 Punkte höher bewertet wurde als in der Kontrolle. Die Placebo-Gruppe stufte den Schmerz um 4,6 Punkte geringer ein.

Negative Erwartungen verstärkten Schmerzen also deutlicher und nachhaltiger, als positive Erwartungen die Schmerzen linderten.

In Patientengesprächen berücksichtigen

Einen Erklärungsansatz liefert die Evolutionspsychologie. Demnach könnte sich der Mensch so entwickelt haben, dass er sich besser auf potenzielle Bedrohungen einstellt, nach dem Motto „Vorsicht ist besser als Nachsicht“. Untersuchungen des Gehirns haben eine kognitive Verzerrung ergeben, durch die das Gehirn dazu neigt, negative Informationen leichter zu verarbeiten als positive.

Fazit für die Praxis: In der Kommunikation mit Patienten ist die Art und Weise wichtig, wie über Behandlungen informiert wird. Offenbar hilft es nicht nur, positive Erwartungen zu fördern. Mindestens genauso entscheidend ist auch, negative Erwartungen zu vermeiden. Entsprechend kann eine bewusste und gezielte Beratung beim Arzt, in der Apotheke oder beispielsweise vor Operationen und anderen Therapiemaßnahmen erheblich über den Therapieerfolg entscheiden.

Quelle

Kunkel A, Schmidt K, Hartmann H, Strietzel, T, et al. Nocebo effects are stronger and more persistent than placebo effects in healthy individualse. eLife2015;14:RP105753. https://doi.org/10.7554/eLife.105753.1.

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