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Psychische Entwicklung bei depressiven Eltern

Kinder von depressiven Eltern leiden oft selbst an dieser Erkrankung oder anderen psychischen Störungen. Was ist dran an der sogenannten transgenerationalen Weitergabe von psychischen Problemen? Offenbar ist die sogenannte elterliche Mentalisierungsfähigkeit eingeschränkt und wirkt sich negativ auf die Erziehung aus.

Kranke Eltern, krankes Kind?

Die Erkrankung wird nicht im klassischen Sinn vererbt, dennoch: Wer mit einem depressiven Elternteil aufwächst, hat ein höheres Risiko ebenfalls psychisch krank zu werden und sich nachteilig zu entwickeln. Es entstehen beispielsweise Schwierigkeiten bei der Internalisierung, also der Verinnerlichung von Normen, Regeln und Werten einer Gemeinschaft, und bei der Externalisierung, der Verlagerung innerer Einstellungen zur Außenwelt als Voraussetzung zur Kommunikation und interpersoneller Wahrnehmung. Auch die Ausbildung unsicherer Bindungsmuster ist häufig Folge dieser besonderen Familiensituation.

Das Thema betrifft viele Kinder, denn die zwölfmonatige Prävalenzrate einer schweren Depression liegt zwischen 5 % und 7 % bei Erwachsenen im jungen und mittleren Lebensalter. 17 % der Mütter und 8 % der Väter ohne Depression in der Vorgeschichte erkranken an einer postpartalen Depression.

Elterliche Mentalisierungsfähigkeit

Teilweise werden Verhaltenseffekte wie eine kompromittierte Erziehung und ein weniger sensibles Eingehen auf das Kind als Erklärung angesehen. Untersuchungen zu Depressionen der Eltern in Bezug auf deren Verhaltensaspekte in der Elternschaft gibt es bereits seit längerer Zeit. Doch Studien in Bezug auf mentalisierende Prozesse, also die Fähigkeit und Neigung, mentale Zustände im einzigartigen Kontext der Eltern-Kind-Beziehung anzuerkennen und zu verstehen, sind relativ neu.

Das psychoanalytische Konzept der elterlichen Mentalisierung beschreibt die Fähigkeit und Neigung von Müttern und Vätern, sich in ihr Kind hineinversetzen zu können und sich selbst als Elternteil in Bezug auf innere Zustände wie Gedanken, Gefühle und Wünsche zu sehen. Sie gilt als relevante Grundlage für das Einfühlungsvermögen, für optimales Erziehungsverhalten und als wichtige Voraussetzung für eine sensible Erziehung und eine sichere Eltern-Kind-Beziehung. Die Interpretation nonverbaler Signale ist vor allem in Kontakt mit kleinen Kindern wichtig. Darüber hinaus beeinflusst die elterliche Mentalisierungsfähigkeit die Stresstoleranz in stressigen Erziehungssituationen.

Depression erschwert Mentalisierung

Der Zusammenhang zwischen Depressionen und suboptimaler Mentalisierungsfähigkeit war Inhalt einer im November 2024 mit dem Wilhelm-Bitter-Forschungspreis 2024 prämierten systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse mit insgesamt 12.665 Teilnehmern. Demzufolge ist diese Fähigkeit für depressive Eltern umso schwieriger, je ausgeprägter ihre Erkrankung ist.

Ist die elterliche Mentalisierung durch die psychische Erkrankung beeinträchtigt, steigt offenbar das Risiko für weniger positive Erziehung und stattdessen für mehr negative Erziehung, etwa für ein aufdringliches oder feindseliges Verhalten. Beispielsweise entstehen böswillige Interpretationen des Verhaltens des Kindes aus der Unfähigkeit, das Verhalten des Kindes zu reflektieren: „Mein Kind weint in der Nähe von Fremden, um mich in Verlegenheit zu bringen.“

Zusammenhänge wahrscheinlich

Elterliche Depression kann ein Faktor einer verminderten elterliche Mentalisierung sein. Vermutlich tragen psychische Belastung, aktuelle Stimmung oder starke Stimmungsreaktivität im Zusammenhang mit Depressionen zu einer beeinträchtigten Mentalisierung bei. Die eingeschränkte Mentalisierung bei depressiven Eltern kann Probleme dabei hervorrufen, die Emotionen des Kindes zu erkennen und richtig zu interpretieren.

Die Metaanalyse ergab eine, wenn auch nur schwache bis mittelschwere, Assoziation einer elterlichen Depression mit einer geringeren elterlichen Mentalisierung. Dabei scheinen depressive Symptome mit einigen spezifischen mentalisierenden Beeinträchtigungen aufzutreten, während andere mentalisierende Fähigkeiten davon unberührt bleiben. Die Studienautoren sehen daher den Bedarf für mehr Forschung. Eine mentalisierungsbasierte Psychotherapie könnte Eltern mit Depressionen helfen und damit die Grundlage schaffen, dass sich ihre Kinder gesünder entwickeln.

Quelle

Georg AK, Meyerhöfer S, Taubner S, Volkert J. Is parental depression related to parental mentalizing? A systematic review and three-level meta-analysis. Clin Psych Rev 2023(104)102322,ISSN 0272-7358. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2023.102322.