Patienten mit Adipositas aus der Stigmatisierung herauszuholen ist eines der Anliegen der Deutschen Gesellschaft für Adipositas (DAG). Bei der Auftakt-Pressekonferenz der 40. Jahrestagung der DAG stellten Experten vor, wie sich die Versorgungssituation Betroffener verbessern lässt.
DMP, E-Health und DiGA: Versorgung verbessern
Vor 40 Jahren gegründet, ist die DAG den Kinderschuhen entwachsen. Die hohe Mitgliederzahl – inzwischen mehr als 1000 – spiegelt die steigende Relevanz von Adipositas in der Gesellschaft wider. Ein Thema auf der diesjährigen Jahrestagung der DAG in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP) ist die Verbesserung der Versorgungssituation Betroffener.
Ein wichtiger Baustein ist das neue Disease Management Programm (DMP) Adipositas. Das DMP soll Betroffenen ermöglichen, mit Verhaltensänderungen eine Gewichtsreduktion und dauerhafte Gewichtsstabilisierung zu erreichen und damit das Risiko für Folgeschäden der Adipositas zu verringern. Das „Gesundes-Herz-Gesetz“ werde das DMP noch einmal beflügeln, sagte Prof. Dr. med. Jens Aberle, Hamburg-Eppendorf.
Raus aus der Stigmatisierung
Seit 2020 ist Adipositas als Krankheit anerkannt. Unsere Gesellschaft müsse dies jedoch noch erkennen, so Prof. Dr. med. Christine Joisten, Köln. Die Sportmedizinerin betonte die Funktion der Industrie, etwa in Bezug auf die Kennzeichnung von Lebensmitteln oder der Ausgestaltung von Bewegungswelten. Gerade im Kindes- und Jugendbereich habe die Sitzzeit zugenommen. Bewegung spiele jedoch nicht nur beim Abnehmen, sondern vor allem für die mentale Gesundheit eine wichtige Rolle. Die Adipositas-Prävalenz unter Kindern und Jugendlichen habe durch die Pandemie weltweit um 2 % zugenommen – somit seien derzeit 530 Mio. Kinder und Jugendliche betroffen. Für Deutschland liegen noch keine aktuellen Zahlen vor.
Wir haben eine Riesenaufgabe in der Prävention vor uns.
Melanie Bahlke, selbst Betroffene, machte zudem darauf aufmerksam, wie sehr die Stigmatisierung von Adipositas den Menschen schade. Auf die Krankheit komme dann noch eine zweite oder dritte Erkrankung obendrauf, was die Behandlung erschwere.
Diese Menschen fühlen sich nicht mehr wertgeschätzt.
Man sei schon gut dabei, doch es gelte, unsere Gesellschaft besser aufzuklären – angefangen bei den Kindern. Schließlich, so Bahlke, gehe Adipositas jeden etwas an.
Neue S3-Leitlinie auf „höchstem wissenschaftlichen Niveau“
Dem Thema Stigmatisierung wird in der neuen S3-Leitlinie zur „Prävention und Therapie der Adipositas“ ein eigenes Kapitel gewidmet. Ein weiteres Kapitel umfasst E-Health und DiGA. Hier sind bereits einige Anwendungen als Add-on zur persönlichen Betreuung erstattungsfähig, wie Prof. Dr. Matthias Laudes, Kiel, ausführte.
Die Basis der Therapie bilde aber weiterhin die multimodale Betreuung der Patienten – bestehend aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Eine Neuerung umfasst hier die Ernährung – weg von einer reinen Kalorienrestriktion hin zu Ernährungsmustern, „die an die Lebenssituation, das Risikoprofil und die Therapieziele angepasst sind“.
Eine medikamentöse Behandlung mit den in Medien vielfach zitierten „Abnehmspritzen“ komme – als Add-on zu einer multimodalen Basistherapie – für bestimmte Patientengruppen infrage, so Laudes. Für diese Gruppen sollte sie auch erstattungsfähig sein, aber „nicht nach Gießkanne“, wie Laudes betonte.
Quellen
Auftakt-Pressekonferenz zur 40. Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP), 16. Oktober 2024.
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