Im Zuge der Pressekonferenz der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft 2024 sprach Professor Dr. med. Wolf Lagrèze, Freiburg, über Kurzsichtigkeit bei Kindern und zur Verfügung stehende Therapieoptionen.
Was steckt hinter der Myopie-Pandemie?
In der Presse wird gerne von einer Pandemie gesprochen, wenn es um das Thema Myopie (Kurzsichtigkeit) geht. Inzwischen sind 80 bis 90% der jungen Menschen in Metropolen Südostasiens betroffen. In Europa blieb die Prävalenz bei den Jugendlichen jedoch über die letzten drei Jahrzehnte konstant bei 30% bis 40%. Meist entsteht eine Myopie durch eine Verlängerung der Augenachse, wodurch der Brennpunkt vor der Netzhaut liegt und weit entfernte Objekte unscharf wahrgenommen werden. Im Grunde liegt der physiologischen Veränderung eine biologische Anpassung des Sehorgans zugrunde. In der heutigen Zeit findet Informationsbeschaffung vorrangig im Nahbereich statt. Lagrèze macht die Smartphones dabei nur indirekt zum Sündenbock. Es sei egal ob man den ganzen Tag auf den kleinen portablen Bildschirm schaue oder seine Nase in Reclam und Co. stecke – wahrscheinlich auch noch bei schlechtem Licht. Von einem Krankheitswert spricht man allerdings erst ab etwa –8 Dioptrien, weil dann das Risiko für eine Gefährdung des Sehvermögens steigt. Wenn die Netzhaut zu stark gedehnt wird, können Makuladegeneration und Netzhautablösung die Folge sein. Während der Pressekonferenz wurden einige Therapiemöglichkeiten diskutiert.
Ist Atropin das Schicksal kurzsichtiger Kinder?
Das anticholinerg wirksame Alkaloid ist bekannt als Giftstoff in Nachtschattengewächsen wie der schwarzen Tollkirsche (Atropa belladonna). In der Ophthalmologie schätzt man jedoch vor allem die lokale Wirkung am Auge; mittels niedrigdosierten Augentropfen erreicht man eine Akkomodationshemmung und Mydriasis. Zwar existiert die Atropin-Therapie bereits seit 150 Jahren, ihren großen Aufschwung erreichte sie aber erst vor zwölf Jahren nach der Veröffentlichung von Daten aus Singapur. Damals fand man unter dem Einsatz von niedrigdosiertem Atropin eine Reduktion des Fortschreitens der Kurzsichtigkeit um 50%. Autoren einer neueren Studie kamen jedoch zum Ergebnis, dass eine Therapie über drei Jahre zu einem Unterschied von 0,24 Dioptrie führt und somit keinen wirklichen Langzeiteffekt aufweist. Lagrèze sprach an dieser Stelle von einem Decline-Effekt – dem Phänomen, dass zu Beginn signifikante wissenschaftliche Ergebnisse mit zunehmender Zahl an Studien immer weniger gestützt werden. Spannend werden laut Lagrèze in diesem Zusammenhang wohl auch die Ergebnisse der vor kurzem begonnenen AIM-Studie, bei der die Sicherheit und Wirksamkeit von 0,02-prozentigem Atropin mit Placebo verglichen wird. Bezüglich der Frage, ob Atropin als Therapeutikum bei Kindern mit Myopie empfehlenswert ist, sprach sich der Referent für eine individualisierte Therapie aus. Geeignet sei sie nicht für alle Kinder, könne in manchen Fällen unter Nutzen-Risiko-Abwägung aber empfehlenswert sein.
Das neue Licht am Ende des Tunnels
Neben multifokalen Optiken wie den Multisegmentbrillengläsern und speziellen Kontaktlinsen stehen auch Lichttherapiemethoden zur Verfügung. Bei der Blaulichttherapie wird der Sehnerv mit blauem Licht beleuchtet; die Studie dazu steht kurz vor dem Abschluss. Lagrèze ist von diesem Vorgehen allerdings „nicht so sehr überzeugt“.
In Australien und Asien bereits etabliert ist die in China entwickelte Rotlichttherapie (Repeated Low-Level Red-Light Therapy, kurz RLRL). In der Vorrichtung befindet sich ein roter Laser, in den die zu therapierenden Kinder zweimal täglich für drei Minuten schauen sollen. Der Referent erklärte, dass die Energiemenge, die ins Auge gelangt, in etwa einem Fünfzigstel eines direkten Blicks in die Sonne entspricht. Das sieht er als nicht unkritisch an, denn es existieren bereits Einzelberichte über Netzhautschäden. Es liegen schließlich noch keine Daten darüber, ob es nach jahrelanger Therapie zu unerwünschten Wirkungen wie Makuladegeneration kommen kann, vor.
Regelmäßig die Nase in den Wind halten
Wichtig zu betonen ist, dass eine Myopie nicht rückgängig zu machen ist. Jedoch steht eine einfache präventive Maßnahme jedem zur Verfügung. Aus umfangreichen asiatischen Studien geht hervor, dass eine regelmäßige Sonnenlichtexposition das Myopierisiko senkt. Damit ist allerdings nicht gemeint, dass man direkt in die Sonne schauen soll! Mindestens 15 Minuten am Stück selbst an bedeckten Wintertagen sollte der Aufenthalt im Freien dauern. Ein täglicher Spaziergang mit der Familie, mit Freunden oder auch einfach allein ist also in vielerlei Hinsicht eine wertvolle Investition in die eigene Gesundheit.
Quelle
Professor Dr. med. Wolf Lagrèze, Freiburg. „Atropin und Lichttherapie: Was kann kindliche Kurzsichtigkeit am besten stoppen?“ Kongress-Hybrid-Pressekonferenz zur DOG 2024, Berlin, am 10. Oktober 2024.