Die ärztliche Anamnese und Diagnosestellung leben von einer ausführlichen Beschreibung der Symptomatik eines Patienten. Kompliziert wird es, wenn Arzt und Patient aufgrund kultureller Besonderheiten und Redewendungen nicht „dieselbe Sprache sprechen“, wie am Beispiel von „Organchiffren“ türkischstämmiger Patienten gezeigt werden kann.
Organchiffren verstehen und aufdecken
Von „ich habe meinen Kopf erkältet“ bis „meine Gallenblase ist geplatzt“. Zum Ausdruck ihres Gesundheitszustands verwenden insbesondere Patienten aus dem türkischen Kulturraum häufig sogenannte Organchiffren. Doch derartige Ausdrucksweisen stellen insbesondere bei der Anamnese oft eine große Hürde dar, sofern sie dem behandelnden Arzt nicht geläufig sind. Es besteht die Gefahr der Fehlinterpretation und daraus resultierend eine Fehldiagnose, die im schlimmsten Fall die Anordnung unwirksamer oder gar schädigender Therapien bedeuten kann. In einem Nachmittagsimpuls des Landratsamts Karlsruhe im Rahmen des Interkulturellen Ärzte/-innen Netzwerks referierte Dr. Ali Kemal Gün, psychologischer Psychotherapeut und Integrationsbeauftragter, über gängige Organchiffren türkischstämmiger Patienten und deren Bedeutung. Ziel des Austauschs war eine verstärkte Sensibilisierung von medizinischem Fachpersonal.
Organisch oder psychisch?
Türkischstämmige Patienten verwenden Organchiffren häufig in Bezug auf ihren psychischen Zustand, erklärte Gün. So bringe die Formulierung „meine Lunge brennt“ beispielsweise große Trauer und Kummer zum Ausdruck und ist nicht etwa auf eine Lungenentzündung oder sonstige Atemwegserkrankung zurückzuführen. Und mit „mein Herz wird eng“ ist oft Heimweh gemeint. Auch die zu Beginn genannten Beispiele werden im Zusammenhang mit psychischen Symptomen geäußert, der „erkältete Kopf“ beispielsweise als Metapher für „verrückt werden“. Insgesamt werden im türkischen Kulturraum insbesondere die Organe Lunge, Leber, Bauch, Kopf und Herz, aber auch weitere symbolhaft verwendet. Und weiterhin relevant: Zwischen Leber und Lunge wird teilweise nicht unterschieden. Die beiden Organe werden oft verwechselt, sagte Gün.
[…] nicht alles, was wortwörtlich übersetzt wird, ist zielführend. Manchmal muss man nicht nur das Gesagte, sondern auch den gemeinten Sinn mit übersetzen.“
Doch hier liegt die Schwierigkeit. Um klarzustellen, ob eine Aussage metaphorisch gemeint ist oder tatsächlich eine organische Ursache dahintersteckt, ist eine ausführliche Anamnese daher unentbehrlich. In jedem Fall ist es hilfreich, wenn dem behandelnden Arzt die Chiffrierung bereits bekannt ist. Dennoch muss – wie immer – im Einzelfall entschieden werden.
Ziel: Sensibilisierung und Dechiffrierung
Die Sensibilisierung soll nicht nur in Bezug auf eine bestimmte Kultur erfolgen, sondern es sollte vielmehr eine Grundhaltung aufgebaut werden, kulturelle und religiöse Aspekte im Gesundheitswesen stärker zu berücksichtigen, so Gün. Nur so werden eine adäquate Diagnose und Therapie möglich.
Quelle
Landratsamt Karlsruhe. Amt für Integration. 2. Digitaler Nachmittagsimpuls „Organchiffren – interkulturelle Kommunikation im Gesundheitswesen. Vortrag vom 16. Oktober 2024.
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