Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie wirft mit ihrer aktuellen Leitlinie strengere Zielwerte in den Ring. Zudem definiert sie eine neue Kategorie zwischen Normwert und Hypertonie: den sogenannten erhöhten Blutdruck.
Zielwert weiter gesenkt
Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) stellte vor dem Hintergrund der weltweit zunehmenden Inzidenz von Bluthochdruck ihre Überarbeitung der Hypertonie-Leitlinie von 2018 vor und sorgte damit für einige Überraschungen. Herausragende Änderung – und Differenz zu anderen gültigen Leitlinien – ist das systolische Blutdruckziel von 120–129 mmHg. In der Vorversion lag der anzustrebende Wert bei unter 140/90 mmHg, für ältere Patienten unter Antihypertensivatherapie allenfalls bei 130–139 mmHg.
Neue Kategorie „erhöhter Blutdruck”
Ebenfalls neu: Wo es bislang nur Normaldruck (unter 120/70 mmHg) und Hypertonie (ab 140/90 mmHg) gab, füllt die ESC nun den Raum dazwischen mit einer neuen Klasse. Werte zwischen 120–139/70–89 mmHg bilden die Stufe „erhöhter Blutdruck“. Für diesen Bereich sieht die ESC einen Algorithmus zur Risikoeinschätzung vor. Je nach Patientensituation soll bereits hier eine Behandlung erfolgen:
Besteht ein hohes kardiovaskuläres Risiko durch chronische Nieren- oder moderate bis schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein Diabetes mellitus, eine familiäre Hypercholesterinämie oder liegen Hinweise auf hypertensiven Organschaden vor, sollen Lebensstilmaßnahmen zum Zug kommen. Gelingt es nach drei Monaten nicht, den Blutdruck auf unter 130/80 mmHg zu senken, ist dies der Startpunkt für eine medikamentöse Therapie. Ausnahme: Diabetes ohne Begleiterkrankungen bei Personen jünger als 60 Jahren.
Ohne hohes kardiovaskuläres Risiko durch oben genannte Erkrankungen oder bei Diabetes mellitus ohne Begleiterkrankungen bei Personen unter 60 Jahren soll das kardiovaskuläre Risiko mit dem SCORE2 (Systematic COronary Risk Evaluation 2) eingeordnet werden und die weitere Strategie bestimmen. Auch hier teilt sich die Empfehlung. Ergibt der Score ein 10-Jahres-Risiko von mindestens 10%, sieht die ESC eine Behandlung vor, bei unter 5% nur Lebensstilmaßnahmen und regelmäßige Blutdruckkontrollen. Im SCORE2-Zwischenbereich von 5 bis 10% soll ein erweitertes Risiko-Assessment zeigen, ob eine Therapie sinnvoll ist. Gegebenenfalls sollen bei unklarem klinisch-anamnestischen Risikostatus spezielle Tests wie ein koronarer Kalk-Score oder eine Pulswellengeschwindigkeitsmessung weitere Entscheidungshinweise liefern.
Deutschland mit anderen Daten
Deutschland war bisher zurückhaltender. Die nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie von 2023 sieht einen idealen Blutdruck-Zielwert bei unter 140/90 mmHg.
Wie so oft liegen also verschiedene Empfehlungen vor. Dennoch sollte nicht der Diskurs unterschiedlicher Blutdruckwerte im Vordergrund stehen. Viel wichtiger ist die Umsetzung in die Tat. Denn auch die ESC räumt ein: Wie auch immer Kategorien und Zielwerte lauten, es besteht nach wie vor großer Verbesserungsbedarf bei der Diagnose, Behandlung und Kontrolle von erhöhtem Blutdruck. Trotz etlicher Leitlinien würden die Empfehlungen in der klinischen Praxis nur mangelhaft umgesetzt.
Quelle
McEvoy JW, McCarthy CP, Bruno RM, Brouwers S, et al. 2024 ESC Guidelines for the management of elevated blood pressure and hypertension: Developed by the task force on the management of elevated blood pressure and hypertension of the European Society of Cardiology (ESC) and endorsed by the European Society of Endocrinology (ESE) and the European Stroke Organisation (ESO). Eur Heart J 2024; ehae178, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehae178.