Lungenkrebs ist immer noch eine der tödlichsten Krebsarten. Die meisten Lungenkrebsfälle sind auf Tabakrauchen zurückzuführen. Kann eine Früherkennung mittels Niedrigdosis-Computertomographie-Screening das Leben verlängern? Die Autoren der „Unstatistik des Monats“ nehmen die aktuelle Berichterstattung zum Lungenkrebs-Screening auseinander.
Lungenkrebs in 6 bis 9 von 10 Fällen durch Tabakrauchen verursacht
Auch wenn es heute viel mehr Therapiemöglichkeiten als noch vor 20 oder 30 Jahren gibt – Patienten mit Lungenkrebs haben weiterhin eine schlechte Prognose: Die relative 5-Jahres-Überlebensrate beträgt bei Frauen etwa 25% und bei Männern 19%. Die Überlebensaussichten hängen deutlich vom Stadium der Erkrankung ab. Im frühen Stadium verursacht Lungenkrebs jedoch meist keine Beschwerden. Daher wird die Erkrankung in vielen Fällen erst spät entdeckt. Noch gibt es keine geeignete Methode für ein (bevölkerungsweites) Lungenkrebs-Screening. Es wird jedoch geprüft, ob und für wen Früherkennungsuntersuchungen mittels Niedrigdosis-Computertomografie (LDCT) empfohlen werden könnten. Da der Hauptrisikofaktor Tabakkonsum ist, könnte sich ein Screening für Raucher durchaus anbieten. Oder?
Kann LDCT die Sterblichkeit senken?
Passend zum gestrigen Weltlungenkrebstag wurden in der letzten Zeit mehrere Artikel zu einem möglichen Lungenkrebs-Screening veröffentlicht. Der Wunsch: LDCT für aktive und ehemalige Raucher von den Krankenkassen bezahlen zu lassen.
„CT-Früherkennung ist eine wirksame, sichere und kosteneffektive Methode,“ hieß es in einer gemeinsamen Pressemitteilung medizinischer Fachgesellschaften unter pneumologie.de. Die Radiologische Allianz berichtete, dass sich in der belgisch-niederländischen NELSON-Studie mithilfe des Screenings das Risiko, an Lungenkrebs zu sterben, um mehr als 20% senken ließ.
Unstatistiker nehmen NELSON-Studie auseinander
In ihrer „Unstatistik des Monats Juli“ berichten nun die Autoren um Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Berlin, über „die oft irreführende und manipulative Berichterstattung über die Ergebnisse der wissenschaftlichen Studien zum Krebs-Screening“. Sie haben sich die Ergebnisse der NELSON-Studie genauer angesehen.
In die randomisierte klinische Studie waren 13195 männliche Raucher bzw. ehemalige Raucher eingeschlossen worden. Nach zehn Jahren waren
- in der Screening-Gruppe 868 von 6583 Menschen gestorben, davon 160 an Lungenkrebs,
- in der Kontrollgruppe ohne Screening 860 von 6612 Menschen, davon 210 an Lungenkrebs.
Die Rate-Ratio für die Gesamtsterblichkeit betrug somit 1,01, die für die Lungenkrebssterblichkeit 0,76.
Waren mehr Menschen in der Screening-Gruppe am Leben als in der Kontrollgruppe? Nein. In der Screening-Gruppe waren 132 [pro 1000] verstorben, in der Kontrollgrupp nur 130 [pro 1000]. Wurde die Sterblichkeit an Lungenkrebs reduziert? Ja, von 32 auf 24 [pro 1000]. Das sind die erwähnten „mehr als 20%“ (im Klartext: 8 von 1000). Das bedeutet, dass in der Screening-Gruppe mehr Personen mit anderen Diagnosen starben, z.B. mit anderen Krebsdiagnosen. Um das zu verstehen, ist hilfreich zu erinnern, dass die Diagnose der spezifischen Todesursache unsicher ist: In der NELSON-Studie wird entsprechend berichtet, dass die Experten mit der Diagnose „Lungenkrebs“ nur in 86% der Fälle übereinstimmten. Daher ist die Gesamtsterblichkeit die zuverlässigere Zahl.
Die Autoren der Unstatistik führen zudem eine Metaanalyse zum LDCT-Screening aus dem Jahr 2023 auf, in der die Autoren ebenfalls zum Schluss kamen, dass ein solches Screening nicht zu einer signifikanten Lebenszeitverlängerung führt.
In den Stellungnahmen zur Übernahme der Kosten durch die Gesetzlichen Krankenkassen würde jedoch nichts dazu stehen, dass sich die Gesamtsterblichkeit nicht durch ein LDCT-Screening senken ließe.
Mittels irreführender Zahlen (und Weglassen der Zahlen zur Lebensverlängerung) soll der zweifelhafte Nutzen des LDCT-Screenings als lebensrettend dargestellt werden. Am Ende werden es die Beitragszahler der Krankenkassen sein, die mit erhöhten Beiträgen ein wenig sinnvolles Screening finanzieren sollen.
Die aktuelle Unstatistik ist nicht die erste zum Thema Krebsfrüherkennung: Bereits vor einingen Jahren hatte das Team das Mammografie-Screening genauer unter die Lupe genommen.
Unstatistik des Monats
Mit der Unstatistik des Monats hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat jüngst publizierte Zahlen und deren Interpretationen.
Quelle
- Unstatistik des Monats vom 29. Juli 2024, Lungenkrebs-Screening rettet Leben