Blutungen sind eine mögliche Komplikation von Antikoagulanzien. Ob ein Patient ein erhöhtes Risiko für eine Blutung hat, kann mit verschiedenen Scores berechnet werden. Speziell für die direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) wurde der DOAC-Score eingeführt. In einer Studie wurde untersucht, ob dieser bei DOAK-Einnahme sensitiver als der HAS-BLED-Score ist.
Blutungsrisiko unter oralen Antikoagulanzien
Rund 20 % aller Schlaganfälle können auf ein Vorhofflimmern (VHF) zurückgeführt werden. Orale Antikoagulanzien senken das Risiko für die Patienten signifikant. Sie sind indiziert bei nichtvalvulärem VHF und einem CHA2DS2-VASc-Score über 1 bei Männern bzw. 2 bei Frauen.
Nachteil der Antikoagulanzien ist, dass sie mitunter zu schweren Blutungen führen können. Ob ein Patient prädisponiert für Blutungen ist, kann beispielsweise mit dem HAS-BLED-Score (Abb.) berechnet werden. Dieser wurde entwickelt, als zur oralen Antikoagulantion noch einzig Vitamin-K-Antagonisten (VKA) zur Verfügung standen. Mit Einführung der DOAK, die nach aktueller Leitlinie „Diagnose und Behandlung von Vorhofflimmern (Version 2020)“ den VKA zu bevorzugen sind, kam die Überlegung auf, dass diese Wirkstoffklasse einen eigenen Score zur Berechnung des Blutungsrisikos benötigt. 2023 wurde dazu der DOAC-Score (Abb.) entwickelt.
Welcher Score ist geeignet?
In der Studie von Mei et al. wurde die Vorhersagequalität des HAS-BLED- und DOAC-Scores hinsichtlich des Auftretens schwerer Blutungsereignisse unter DOAK-Einnahme untersucht. 2834 Patienten mit VHF und DOAK-Therapie nahmen an der Studie teil. Nach HAS-BLED hatten 20,4 % von ihnen ein sehr niedriges Blutungsrisiko (0 Punkte) und 11,6 % ein hohes Risiko (≥ 3 Punkte). Nach DOAC-Score waren es 45,0 % mit sehr niedrigem Blutungsrisiko (0–3 Punkte) und 9,0 % mit hohem (8–10 Punkte).
Die Patienten wurden im Median zwei Jahre nachverfolgt. In diesem Zeitraum war die Inzidenz schwerer Blutungsereignisse unter DOAK-Einnahme mit 1,04 pro 100 Patientenjahre gering. Die Inzidenz eines ischämischen Schlaganfalls lag bei 0,98 pro 100 Patientenjahre. Patienten mit einem sehr niedrigen Blutungsrisiko wurden besser mit HAS-BLED (Spezifität 98 %) identifiziert als mit dem DOAC-Score (Spezifität 67 %).
Die Vorhersagegenauigkeit schwerer Blutungsereignisse war mit beiden Scores nur mäßig und es gab keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden untersuchten Scores (HAS-BLED-Score Area under the curve [AUC] = 0,65; DOAC-Score AUC = 0,62).
Kein Score dem anderen überlegen
Die Studienautoren kommen zu dem Fazit, dass keiner der beiden Scores bevorzugt anzuwenden ist. Allerdings zeigte der HAS-BLED-Score eine höhere Spezifität bei Patienten mit sehr niedrigem Blutungsrisiko hinsichtlich der Vorhersage von keinem Auftreten schwerer Blutungsereignisse.

Quellen
Aggarwal R, et al. Development and Validation of the DOAC Score: A Novel Bleeding Risk Prediction Tool for Patients With Atrial Fibrillation on Direct-Acting Oral Anticoagulants. Circulation. 2023;148(12):936-946. doi:10.1161/CIRCULATIONAHA.123.064556.
Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz-und Kreislaufforschung e.V (2021). ESC Pocket Guidelines. Diagnose und Behandlung von Vorhofflimmern, Version 2020.
Geisslinger G, Menzel S, Gudermann T, Hinz B, Ruth P. Mutschler Arzneimittelwirkungen, 11. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 2020.
Mei DA, et al. Performance of HAS-BLED and DOAC scores to predict major bleeding events in atrial fibrillation patients treated with direct oral anticoagulants: A report from a prospective European observational registry. Eur J Intern Med. Published online July 4, 2024. doi:10.1016/j.ejim.2024.06.022.