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PREVENT: Weniger Statine durch neuen Score?

Die American Heart Association (AHA) hat einen neuen Score für die Vorhersage des kardiovaskulären Risikos entwickelt. Hier gehen nun auch weitere Parameter wie die Nierenfunktion mit ein.

Auch die Nierenfunktion beeinflusst das kardiovaskuläre Risiko

Die Neuschöpfung des Begriffs „cardiovascular-kidney-metabolic (CKM) syndrome“ ist eine Reaktion der American Heart Association (AHA) auf die hohe Prävalenz metabolischer und renaler Erkrankungen. Epidemiologische Daten zeigen ein höheres Risiko für arteriosklerotische kardiovaskuläre Erkrankungen und auch Herzinsuffizienz mit zunehmendem Grad der Niereninsuffizienz.

Zweck der Risikoabschätzung ist, die Art und das Ausmaß der Primärprävention für jeden Patienten passend zu machen. Mit dem Risikoscore PREVENT (AHA Predicting Risk of CVD Events) soll das 10- und 30-jährige Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse (inklusive Herzinsuffizienz) für 30- bis 79-Jährige bestimmt werden. Als Einflussvariablen sind auch die glomeruläre Filtrationsrate und, wenn indiziert, weitere Parameter wie der HbA1c-Wert enthalten.

Klinischer Algorithmus

Der klinische Algorithmus sieht folgendermaßen aus:

  • Screening des CKM-Risikos: Beurteilung der sog. Life’s essential eight (Ernährungsgewohnheiten, körperliche Aktivität, Schlafdauer und -qualität, Rauchen, Body-Mass-Index, Blutdruck, Blutfettwerte, Blutzucker). Wenn angezeigt, zusätzlich HbA1c-Wert und Albumin-Kreatinin-Ratio.
  • Beurteilung des kardiovaskulären Risikos: Berechnung des 10- und 30-jährigen Risikos für kardiovaskuläre Ereignisse mithilfe des PREVENT-Scores. Bei intermediärem oder unsicherem Ereignis Reevaluation mithilfe weiterer Laborparameter oder Bildgebung.
  • Bestimmung des CKM-Grads: Grad 0 (keine Risikofaktoren) bis Grad 4 (kardiovaskuläre Erkrankung)
  • Reduktion des CKM-Risikos: Unterstützung gesundheitsfördernder Maßnahmen, Verhinderung einer Progression und Priorisierung einer Verbesserung. Leitliniengerechte Behandlung der CKM-Faktoren, Screening nach ungünstigen sozialen Faktoren und Reevaluation in bestimmten Abständen.

Kardiovaskuläres Risiko mit neuem Score niedriger

In einer Querschnittstudie aus den USA wurde die Schätzung des kardiovaskulären Risikos mithilfe des neuen PREVENT-Scores mit dem zuvor gängigen PCE-Score (2013 AHA/American College of Cardiology pooled cohort equations) bei 3785 Erwachsenen zwischen 40 und 75 Jahren ohne arteriosklerotische kardiovaskuläre Erkrankungen verglichen.

Dabei kam heraus, dass das durchschnittliche 10-jährige Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse mit dem älteren PCE-Score ungefähr doppelt so hoch eingeschätzt wird (8% versus 4,3%). Und das auch bei Personen zwischen 70 und 75 Jahren (22,8% versus 10,2%).

Veränderte Therapieempfehlungen durch neuen Score?

Angemerkt wurde, dass optionale Daten über soziale Faktoren in dieser Studie nicht einflossen. Andererseits würden viele Personen durch den neuen PREVENT-Score einer niedrigeren kardiovaskulären Risikogruppe zugeordnet werden, was die Empfehlungen für präventive Therapien ändern würde, beispielsweise die Einnahme von Statinen. Ein interessanter Aspekt war nämlich, dass in dieser Studiengruppe nur 44% der Patienten, die ein Statin zur Primärprävention einnehmen sollten, dieses auch einnahmen.

Derzeitige Empfehlungen

Derzeit lauten die Empfehlungen der US Preventive Services Task Force (USPSTF), dass Erwachsene im Alter zwischen 40 und 75 Jahren ein Statin erhalten sollen, wenn ihr geschätztes zehnjähriges Risiko für eine kardiovaskuläre Erkrankung mindestens 10% beträgt und einer oder mehrere Risikofaktoren wie Dyslipidämie, Diabetes, Bluthochdruck oder Rauchen vorliegen. Damit kann eine Statin-Therapie unabhängig vom LDL-Wert empfohlen werden. In Deutschland richten sich die Empfehlungen nach den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC). Hier wird empfohlen, das kardiovaskuläre Risiko mithilfe des SCORE (Systematic Coronary Risk Estimation)-Systems zu bestimmen. Je nach Risikogruppe werden dann unterschiedliche LDL-Zielwerte definiert.

Risiken vor Auge halten

Auf der einen Seite bedeuten diese Studienergebnisse, dass für viele Personen eine präventive medikamentöse Therapie, vor allem in den USA, nicht notwendig ist. Auf der anderen Seite kann eine Quantifizierung des kardiovaskulären Risikos definitiv dazu beitragen, Patienten von einer notwendigen Therapie zu überzeugen. Eine gute Möglichkeit ist, das SCORE-System häufiger in die Beratung mit einzubeziehen.

Quellen

Timothy S Anderson TS, et al. Atherosclerotic Cardiovascular Disease Risk Estimates Using the Predicting Risk of Cardiovascular Disease Events Equations. JAMA Intern Med 2024 Jun 10:e241302. doi: 10.1001/jamainternmed.2024.1302. Online ahead of print.

Khan SS, et al. Novel Prediction Equations for Absolute Risk Assessment of Total Cardiovascular Disease Incorporating Cardiovascular-Kidney-Metabolic Health: A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation 2023;148(24):1982-2004.  doi: 10.1161/CIR.0000000000001191. Epub 2023 Nov 10.

Larkin H. New Cardiovascular Disease Risk Calculator Could Eliminate the Need for Statins for Millions. JAMA 2024 Jun 21. doi: 10.1001/jama.2024.8590. Online ahead of print.