Auf Frauen abgestimmte Schmerztherapie? Das ist sinnvoll, wie Experten auf dem Diversity in Health Congress 2024 erläuterten. Auf Opioide beispielsweise reagiert „Sie“ sensibler.
Biologische Unterschiede
Der weibliche Körper wurde in der Medizin zu lange vernachlässigt, lautete das deutliche Statement von Prof. Dr. Petra Thürmann, Witten/Herdecke, auf dem 3. Diversity in Health Congress im Februar 2024. Studien, Erkenntnisse und Empfehlungen zu Arzneimittelanwendungen basieren fast ausschließlich auf Daten mit Männern.
Doch biologische Marker wie die primären und sekundären Geschlechtsorgane, Chromosomen sowie die Hormonkonzentrationen beeinflussen die Körperzusammensetzung, den Stoffwechsel und eben auch die Reaktion auf Arzneimittel erheblich. Zusätzlich wirkt sich das soziale Geschlecht auf das Erleben von Gesundheit und Krankheit aus, also kulturelle Einflüsse wie die Rolle in der Familie und Gesellschaft. Bekannt ist beispielsweise, dass abweichende Wahrnehmungen, sowie andere Symptome bei diversen Erkrankungen bei Männern und Frauen bestehen.
Frauen-Schmerz ist anders
Die Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung läuft bei Frauen und Männern unterschiedlich ab, erklärte Prof. Thürmann. Treten Schmerzen auf, werden verschiedene Areale im Gehirn aktiviert. Auch die neuronalen Schaltkreise, die an der Schmerzverarbeitung beteiligt sind, unterscheiden sich je nach Geschlecht. Frauen verfügen über eine niedrigere Schmerzschwelle, Männer über eine stärkere endogene Schmerzhemmung.
Wir müssen in der Schmerzbehandlung die Unterschiede sehen.
Gründe dafür sind sowohl biologische als auch sozial bedingte Differenzen. Zum einen sind Schmerzschwelle und -verarbeitung durch die Hormone beeinflusst. Hier spielen Östrogene, Testosteron und insbesondere die analgetische Wirkung von Progesteron eine Rolle. Letzterem kommt bei der Geburt übrigens eine besondere Bedeutung zu. Zum anderen entwickeln Mädchen und Frauen ein anderes Verhältnis zu Schmerzen und Schmerzmitteln, unter anderem bedingt durch eine frühe und regelmäßige Konfrontation mit Menstruationsschmerzen, aber auch durch sozial bedingte Verhaltensweisen.
„Geschlechtersensible Kommunikation ist für eine zielgerichtete Diagnose und Therapieentscheidungen wichtig“, appellierte Prof. Thürmann. Interessant: Auch das Geschlecht des Arztes hat Einfluss auf den Behandlungserfolg, wie Studien zeigen. So erreichen Patienten von Ärztinnen häufiger wichtige Zielwerte als bei männlichen Kollegen, etwa beim HbA1c, LDL-Cholesterol und systolischen Blutdruck.
Frauen brauchen weniger Opioide
Am Beispiel der Opioide zeigte die Fachärztin für Klinische Pharmakologie auf, dass Schmerzbehandlung geschlechtersensibel erfolgen sollte. Es ist bekannt, dass weibliche Patienten, die selbst-kontrolliert Morphin dosieren können, weniger Schmerzmittel brauchen als Männer in der gleichen Situation. Die Erklärung der Expertin: Der Wirkstoff kann bei Frauen am Opiatrezeptor besser und fester andocken.
Die Konzentration am Opiatrezeptor muss bei Männern etwa doppelt so hoch sein, um eine 50%ige Schmerzlinderung zu erfahren.
In der Praxis bedeutet das: Frauen benötigen niedrigere Dosierungen für die gleiche Schmerzlinderung. Das erklärt andererseits, warum Frauen und auch bei niedrigeren Dosierungen häufiger schwere Nebenwirkungen bis hin zu Atemdepressionen unter Opioid-Behandlung erleiden.
Thürmanns Fazit: „Es muss bei Behandlern und Patienten ein Bewusstsein geschaffen werden für die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Wahrnehmung und Beschreibung von Schmerzen.“ Darüber hinaus sollten diese Aspekte bei der Therapie, bei der Aufklärung über potenzielle Nebenwirkungen und bei der Dosisfindung berücksichtigt werden. Das Ziel sei, entsprechende Behandlungskonzepte vor diesem Hintergrund zu entwickeln.
Quelle
Prof. Dr. Petra Thürmann. Geschlechtersensible Schmerztherapie. 3. DIVERSITY IN HEALTH CONGRESS 2024 am 27.02.2024.