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Langzeitdaten für Alemtuzumab bei multipler Sklerose

Eine Real-World-Studie mit 5-Jahres-Follow-up ergab für den monoklonalen Antikörper signifikant reduzierte Rückfallraten bei MS-Patienten. Den Behinderungsgrad konnte Alemtuzumab aber nicht überzeugend verbessern.

Schubtherapie plus Langzeitmedikation

Eine krankheitsmodifizierende Behandlung der multiplen Sklerose (MS) verbessert den Krankheitsverlauf und die Prognose. Hierbei greifen verschiedene parallel angewandte Behandlungsstrategien: eine kontinuierliche Medikation, die bei Durchbruch der Krankheitsaktivität eskaliert wird, und eine Medikation mit langfristiger Wirkung zur Vorbeugung von Entzündungsherden.

Alemtuzumab bei unzureichender Therapie

Alemtuzumab vermittelt seine Wirkung durch Bindung an das Oberflächenprotein CD52 von T- und B-Lymphozyten im Blut. Es bewirkt eine antikörperabhängige, zellvermittelte Zytolyse und damit eine weitgehende Reduktion der autoreaktiven T- und B-Lymphozyten. Darüber hinaus erreicht der monoklonale Antikörper die Etablierung einer neuen Immunzellpopulation, die weniger anfällig für einen immunologischen Angriff auf das zentrale Nervensystem ist.

Alemtuzumab ist seit 2013 in der Europäischen Union zugelassen und wird als Infusionslösung für bestimmte Patienten mit hochaktiver schubförmig-remittierender multipler Sklerose (relapsing remitting multiple sclerosis, RRMS) eingesetzt. Es kommt gemäß Leitlinie „Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen“ (pdf) für Patienten infrage, bei denen die Behandlung mit Beta-Interferon, Glatirameracetat, Teriflunomid oder Dimetyhlfumarat keine Wirkung zeigt.

Studie über fünf Jahre

Die Wirksamkeit von Alemtuzumab bei der Verringerung der Krankheitsaktivität bei RRMS wurde vor dem Inverkehrbringen umfassend nachgewiesen. Was bislang fehlte, waren Daten aus der Praxis nach der Zulassung. Diese Lücke sollte eine im September 2023 veröffentlichte prospektive monozentrische Studie aus Göteborg schließen. In dieser untersuchten die Autoren die Therapieeffekte von Alemtuzumab bei 51 erwachsenen RRMS-Patienten, durchschnittlich 36 Jahre alt, über fünf Jahre. Die Teilnehmer erhielten 60 mg Alemtuzumab i.v. an fünf aufeinanderfolgenden Tagen und nach zwölf Monaten eine wiederholte Dosis von 36 mg i.v. an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Erneute Zyklen mit 36 mg i.v. erfolgten bei Anzeichen einer neuen Krankheitsaktivität. Die Kontrollgruppe bildeten 27 symptomatische Patienten mit initialem Verdacht auf MS, bei denen eine MS ausgeschlossen wurde.

Für die Analyse werteten die Forscher alle häufig verwendeten MS-bezogenen Endpunkte aus und ergänzten zwei zusätzliche Biomarker: Zum einen das saure Gliafibrillenprotein (GFAP), das die Astrogliose, ein vermehrtes Auftreten hypertropher bzw. hyperplastischer Zellen im zentralen Nervensystem, widerspiegelt. Zum anderen die Konzentration von Neurofilament-Leichtketten (NFL), die axonale Schäden beschreibt. Neben den klinischen Parametern wurden kognitive Tests und bildgebende Verfahren ausgewertet.

Reduzierte Rückfallrate, kein reduzierter Behinderungsgrad

Die Studienergebnisse ergaben signifikant reduzierte mittlere Rückfallraten in jedem Jahr der Nachbeobachtung gegenüber dem Ausgangswert. Unter Alemtuzumab erreichten 69% Progressionsfreiheit über die fünfjährige Nachbeobachtung. Nach fünf Jahren gab es bei 33% kein Anzeichen für Krankheitsaktivität. Während die NFL-Konzentrationen im Liquor und Serum reduziert waren, blieben die GFAP-Konzentrationen im Wesentlichen unverändert.

Der Grad der Behinderung (expanded disability status scale, EDSS) blieb gleich, es gab keine Veränderung des medianen EDSS: Bei 27% der Patienten beobachteten die Studienautoren eine Verschlechterung des Behinderungsgrads nach fünf Jahren, bei 20% eine Verbesserung und bei 53% keine Veränderung. Alemtuzumab hatte keinen Einfluss auf eine Verschlechterung der Kognition.

Die Ergebnisse bestätigen laut Autoren Alemtuzumab als wirksame Therapie, die den neuroaxonalen Verlust signifikant reduziert.

Quelle

Sandgren S, Novakova L, Nordin A, Axelsson M, et al. A five-year observational prospective mono-center study of the efficacy of alemtuzumab in a real-world cohort of patients with multiple sclerosis. Front Neurol 2023;14:1265354. doi: 10.3389/fneur.2023.1265354. PMID: 37808497; PMCID: PMC10551138.