Das Männer-Paradoxon

Die Welt der Forschung und Medizin ist männlich geprägt. Das Thema Gesundheitsstärkung findet für das vermeintlich starke Geschlecht aber kaum Beachtung. So ist die Lebenserwartung von Männern niedriger, Vorsorgeangebote werden seltener genutzt, das soziale Verständnis von Männlichkeit fußt auf gesundheitsfeindlichem Verhalten. Helfen könnte ein „male friendly system“, so ein Fazit des Diversity in Health Congress 2022.

Männergesundheit wird oft vernachlässigt

Es sei erstaunlich, wie die niedrigere Lebenserwartung von Männern weltweit hingenommen werde, ohne die Hintergründe zu erforschen, sagte Thomas Altgeld auf dem ersten Diversity in Health Congress 2022. Die vorzeitige Mortalität im Vergleich zu Frauen sei so hoch und bestehe schon so lange, sie gelte in vielen Ländern fälschlicherweise als natürliches und unveränderliches Phänomen. Der Vorstandsvorsitzende des Bundesforum Männer e. V. plädierte dafür, in der aktuellen Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit die Männergesundheit nicht außer Acht zu lassen.

Die soziale Komponente des männlichen Geschlechts werde in der Medizin und im Gesundheitssystem wenig beachtet. Noch immer gelte es als besonders „männlich“, Schmerzen und psychische Belastungen zu ignorieren, viel Alkohol zu trinken, fleischbetont zu essen, nicht viel zu schlafen und insgesamt dem Körper wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Zudem oder gerade deshalb sei das vermeintlich starke Geschlecht häufiger von bestimmten Gesundheitsproblemen betroffen, etwa Übergewicht, Suchterkrankungen, Diabetes-bedingten Amputationen oder Todesfällen aufgrund von COVID-19. Bei Depressionen seien Männer unterdiagnostiziert, die Suizidrate ist in sämtlichen Altersgruppen über 15 Jahren mehr als dreimal so hoch wie bei Frauen.

Es gibt leider keinen Standardansatz für Männer in der Suchthilfe.“

Dem gegenüber stünde eine geringere Anzahl von Gesundheitskursen für Männer bei Krankenkassen und anderen Anbietern. Männer nehmen seltener präventive Gesundheitsangebote in Anspruch. Sie haben weniger und im Krankheitsverlauf spätere Arztkontakte, so Altgeld. Erst ab einem Alter von 70 Jahren ändere sich das.

Gesucht wird: männerfreundliche Kommunikation

Laut Altgeld könnten niedrigschwellige Maßnahmen, die gezielt Männer ansprechen, die Sensibilisierung für Gesundheitsthemen erhöhen. Auch die Weltgesundheitsorganisation – Regionalbüro für Europa hat eine Strategie zur Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Männern veröffentlicht. Darin sind folgende Ziele formuliert:

  • Senkung der vorzeitigen Mortalität von Männern aufgrund nichtübertragbarer Krankheiten sowie beabsichtigter und unbeabsichtigter Verletzungen
  • Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Männern jeden Alters bei gleichzeitigem Abbau von Ungleichheiten innerhalb von wie auch zwischen Ländern der Europäischen Region
  • Verbesserungen hinsichtlich der Gleichheit zwischen den Geschlechtern durch Strukturen und Konzepte, die das Engagement von Männern in Bezug auf Selbstschutz, Vaterrolle, unbezahlte Betreuung, Gewaltprävention sowie sexuelle und reproduktive Gesundheit fördern

Geschlechterspezifische Ansprache könne Männer zu mehr Gesundheitsfürsorge motivieren und im Krankheitsfall eine effektivere Versorgung erreichen.

Warum werden Yogakurse ausschließlich mit Bildern von Frauen beworben?“

Werbung und Informationsmaterial für gesundheitsfördernde Maßnahmen solle auch auf Männerrollen eingehen. Arbeitsplatz, Sportvereine und digitale Medien seien gut geeignete Plattformen, Männer gezielt anzusprechen. Einen sehr speziellen Versuch der geschlechtsspezifischen Ansprache unternahm die Techniker Krankenkasse Anfang des Jahres. Der Werbespot zur Hodenkrebsvorsorge mit einer Pornodarstellerin erntete allerdings verständlicherweise harsche Kritik und wurde zurückgerufen. Altgeld nannte nationale Männergesundheitsstrategien in anderen Ländern als mögliche Vorbilder. So gibt es akademische Forschungszentren für Männergesundheit in Australien, Irland, Neuseeland und den USA; das schottische „Football Fans in Training (FFIT)-Programm“ zeigte durch eine randomisierte Kontrollstudie, dass eine geschlechtsspezifische Intervention die Ernährung, die körperliche Aktivität und die Gewichtsentwicklung von Männern verbessern kann.

Quelle

Diversity in Health Congress 2022. Livestream am 22.03.2022, Veranstalter: WIG2 GmbH, Wissenschaftliches Institut für Gesundheitsökonomie und Gesundheitssystemforschung, Leipzig.