Neues Organ für die Gynäkologie

Nach der Menopause steigt das Risiko für respiratorische Beschwerden – und zwar nicht allein durch das höhere Alter, sondern vermutlich durch den Wandel im Hormonhaushalt. Somit rückt die Lunge zunehmend ins Aufgabengebiet der Gynäkologie – auch wenn viele Fragen über die Mechanismen und Präventionsmöglichkeiten noch offen sind.

Gynäkologen blicken auf die Lunge

Die Menopause ist mit körperlichen Veränderungen und typischen Beschwerden verknüpft. Selten wird die Lungengesundheit in diesem Zusammenhang beachtet. Auch in der S3-Leitlinie „Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen“ findet das Atmungsorgan keine Erwähnung. Das sollte sich ändern, plädierte J. Christian Virchow, Rostock, auf dem FOKO 2022, dem Fortbildungskongress des Berufsverbandes der Frauenärzte. Zum jetzigen Zeitpunkt seien Daten über die Zusammenhänge allerdings leider rar. Bekannt sei jedoch eine Korrelation von früher Menopause und niedrigeren FVC-Werten (forcierte Vitalkapazität, Lungenvolumen, das nach maximaler Einatmung mit maximaler Geschwindigkeit ausgeatmet werden kann) sowie einem größeren Risiko für eine Lungenrestriktion.

Häufiger Schlafapnoe und Asthma?

Jüngere Frauen sind deutlich seltener vom Schlafapnoe-Syndrom betroffen als Männer. Bei postmenopausalen Frauen gleiche sich die Inzidenz an, berichtete Virchow. Stadien im Tiefschlaf, die für erholsamen Schlaf relevant sind, seien verkürzt, zusätzlich komme es zu mehr Arousels (Weckreaktionen durch Nervenimpulse). In der Folge treten bei Frauen nach der Menopause öfter Tagesmüdigkeit, Blutdruckanstieg und Herzrhythmusstörungen auf. Der größte Risikofaktor für Lungenfunktionsstörungen in dieser Lebensphase sei langjähriges Rauchen. Raucherinnen erreichen zudem früher die Menopause als Nichtraucherinnen.

Schon eine unregelmäßige Menstruation scheint mit einem erhöhten Asthmarisiko und eingeschränkter Lungenfunktion einherzugehen. Mit Erreichen der Menopause verschärfe sich die Problematik dann für viele Frauen. Interessanterweise seien adipöse, aber auch sehr schlanke Frauen (BMI < 24 kg/m2) besonders anfällig für Menopause-bedingte Lungensymptome, am wenigsten Beschwerden haben offenbar Frauen mit einem BMI zwischen 24 und 25 kg/m2.

Hormone beeinflussen die Lunge

Welche genauen Mechanismen den Zusammenhang zwischen Postmenopause und Lungenfunktionsstörungen begründen, sei noch weitgehend unklar, so die Referenten. Allerdings haben Östrogene einen erheblichen Einfluss auf verschiedene Zelleigenschaften: Endothel- und glatte Muskelzellen, wie sie in den Bronchien vorkommen, besitzen Rezeptoren für Östrogene; ein Östrogenmangel begünstigt die Immunantwort von TH1-Zellen und pulmonale Entzündungen. Die Datenlage sei laut Virchow allerdings dünn und teilweise widersprüchlich, zukünftige Studien könnten die Rolle weiblicher Hormone auf die Lungenfunktion weiter aufschlüsseln.

Hormonersatztherapie als mögliche Prävention

Ob eine Hormonersatztherapie respiratorische Beschwerden aufhalten kann, untersuchte Dr. Kai Triebner, Bergen, Norwegen. Seinen Analysen zufolge könnte eine Hormonsubstitution etwa 30% der Lungenfunktionsabnahme kompensieren. Dabei seien die Auswirkungen umso größer, je länger die Hormoneinnahme erfolge. Dem zustimmend, wenn auch weitaus eindringlicher, plädierte Prof. Dr. J.M. Wenderlein, Ulm, für eine frühzeitige Östrogen-Substitution. Seiner Meinung nach könne eine gezielte, langfristige Hormonersatztherapie das Risiko für respiratorische Beschwerden, einschließlich COPD und Lungenkrebs, deutlich senken.

Inwieweit zukünftige Studien die bisherigen Einsichten untermauern und wie sich das Thema in Fachkreisen weiterentwickeln wird, bleibt abzuwarten. Doch ein Anfang ist gemacht mit der Aufforderung: Bei Lungenfunktionsstörungen auch an den Hormonstatus denken!

Quelle

FOKO 2022 – Fortbildungskongress des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF). 09. bis 12. März 2022, Hybridveranstaltung. https://www.bvf.de/foko/