COVID-19: Therapie mit Rekonvaleszentenplasma

Bei Patienten mit schwerem oder lebensbedrohlichem COVID-19 führte eine Rekonvaleszenz-Plasmatherapie zusätzlich zur Standardtherapie zu keiner statistisch signifikanten Verbesserung der Zeit bis zur klinischen Erholung oder der Sterblichkeit innerhalb von 28 Tagen.

Antikörper zur Therapie …

Derzeit werden viele Therapieansätze zur Behandlung von COVID-19 untersucht. Personen, die die Erkrankung überstanden haben, weisen Antikörper gegen das Virus auf. Diese Antikörper können als Plasma zur Therapie eingesetzt werden. In der Vergangenheit war dieser Therapieansatz bereits bei SARS-CoV-1 und MERS angewandt worden.

Es handelte sich um eine offene, multizentrische, randomisierte klinische Studie, die vom 14. Februar 2020 bis zum 1. April 2020 in sieben medizinischen Zentren in Wuhan, China, durchgeführt wurde. Die Studie umfasste 103 Teilnehmer mit laborbestätigter schwerer COVID-19-Erkrankung. Die Patienten hatten eine schwerwiegende Einschränkung der Lungenfunktion, lebensbedrohliche Komplikationen wie Schock und Organversagen oder sie mussten mechanisch beatmet werden. Die Studie wurde vorzeitig beendet, nachdem 103 der geplanten 200 Patienten aufgenommen worden waren.

Die Patienten erhielten Rekonvaleszentenplasma zusätzlich zu einer Standardbehandlung (n = 52) versus eine Standardbehandlung allein (Kontrolle; n = 51), stratifiziert nach der Schwere der Erkrankung. Der primäre Studienendpunkt war die Zeit bis zu einer klinischen Besserung innerhalb von 28 Tagen. Diese war definiert als die Entlassung eines lebenden Patienten aus dem Krankenhaus oder eine Reduzierung um 2 Punkte auf einer 6-Punkte Skala (von 1 = Entlassung bis 6 = Tod). Sekundäre Endpunkte waren die 28-Tage-Mortalität, die Zeit bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus und die Häufigkeit, mit der die Ergebnisse des Virusnachweises per Polymerase-Kettenreaktion (PCR) sich von einem positiven Ausgangswert in einen negativen Wert änderten.

… hatten keinen signifikanten Einfluss auf die klinische Verbesserung …

Von 103 Patienten, die randomisiert wurden, schlossen 101 die Studie ab. Das mittlere Alter betrug 70 Jahre und 60 (58,3%) Patienten waren männlich. Bei 60% der Patienten war die Erkrankung lebensbedrohlich. Das mittlere Zeitintervall zwischen Beginn der Symptomatik und Randomisierung betrug 30 Tage. 90% der Patienten erhielten zusätzlich eine antivirale Therapie.

Eine klinische Verbesserung trat innerhalb von 28 Tagen ein bei

  • 52% (27/52) der Patienten in der Rekonvaleszentenplasma-Gruppe gegenüber
  • 43% (22/51) in der Kontrollgruppe.

Der Unterschied betrug 8,8 Prozentpunkte (95%-Konfidenzintervall [KI] –10,4% bis 28,0%) und die Hazard-Ratio (HR) 1,40 (95%-KI 0,79 bis 2,49; p=0,26).

Bei Patienten mit schwerer Erkrankung trat der primäre Endpunkt auf bei

  • 91% (21/23) der Patienten in der Rekonvaleszentenplasma-Gruppe gegenüber
  • 68% (15/22) in der Kontrollgruppe (HR 2,15; 95%-KI 1,07–4,32; p=0,03).

Bei den Patienten mit lebensbedrohlicher Erkrankung trat der primäre Endpunkt auf bei

  • 21% (6/29) der Patienten der Rekonvaleszentenplasma-Gruppe gegenüber
  • 24% (7/29) in der Kontrollgruppe (HR 0,88; 95%-KI, 0,30–2,63; p=0,83; p-Wert für Interaktion=0,17).

Es gab keinen signifikanten Unterschied in der 28-Tage-Sterblichkeit (16% vs. 24%; Odds-Ratio [OR] 0,65; 95%-KI 0,29–1,46; p=0,30) oder der Zeit von der Randomisierung bis zur Entlassung (51% vs. 36% bis Tag 28; HR 1,61; 95%-KI 0,88–2,93; p=0,12).

… reduzierten jedoch die Viruslast

Die Behandlung mit Rekonvaleszentenplasma führte nach 72 Stunden bei 87% zu einer negativen Konversionsrate der viralen PCR verglichen mit 38% der Kontrollgruppe (OR 11,39; 95%-KI 3,91–33,18; p<0,001).

Kommentar

Die Studie aus Wuhan ist die erste randomisierte kontrollierte Studie zum Einsatz von Plasma von Patienten, die eine COVID-19-Erkrankung überstanden haben. Die Studie konnte ihre ursprünglich geplante Patientenzahl von 200 Patienten nicht erreichen, da die Erkrankungshäufigkeit in Wuhan dramatisch zurückging. Über alle Patienten hinweg zeigte die Studie keinen positiven Effekt der Therapie mit Rekonvaleszentenplasma. Die Untergruppe der Patienten mit schwerer Erkrankung schien aber zu profitieren, während die Gruppe der Patienten mit lebensbedrohlicher Erkrankung keinen therapeutischen Nutzen hatte. Der Zeitraum zwischen Beginn der Symptomatik und Randomisierung betrug 30 Tage, was möglicherweise zu lang war. Von der Therapie anderer Erkrankungen mit Rekonvaleszentenplasma ist bekannt, dass eine frühere Therapie bessere Therapieerfolge hat.

Eindrucksvoll war die Beobachtung, dass bei fast allen Patienten drei Tage nach der Infusion keine SARS-CoV-2-Viren mehr nachgewiesen werden konnten. Bedenken gegen die Therapie im Sinne einer zusätzlichen Schädigung der Lungenfunktion oder eine Belastung durch das Infusionsvolumen ließen sich nicht bestätigen. Im Moment laufen noch 48 weitere Studien zu diesem Therapieansatz. Eine wichtige Frage wird sein, ob eventuell die Kombination einer antiviralen Therapie mit Remdesivir plus Rekonvaleszentenplasma wirksamer ist als jede Therapie allein. Publikationen zur Therapie von COVID-19 nehmen inzwischen zum Teil abstruse Züge an. So wurde kurz vor der Publikation der hier referierten Studie bereits eine Cochrane Analyse zu diesem Therapieansatz publiziert, die Daten von 32 Patienten umfasste und zu dem nicht überraschenden Schluss kam, dass aus den vorhandenen Ergebnissen keine Rückschlüsse auf die Möglichkeit einer Wirkung von Rekonvaleszentenplasma gezogen werden können.

Quelle

Li L, et al. Effect of Convalescent Plasma Therapy on Time to Clinical Improvement in Patients With Severe and Life-threatening COVID-19: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 2020. Jun 3. doi: 10.1001/jama.2020.10044.

Autor

Foto Prof. Diener
Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener. Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen, Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (IMIBE).