Behandlungsverweigerung für Impfverweigerer

Masern gibt es gar nicht und außerdem werden mit Zusätzen in Impfstoffen unsere Kinder wissentlich vergiftet – so die Argumente mancher Impfverweigerer. Die Strategien, die Impfquoten trotzdem zu erhöhen, sind vielfältig. Überzeugungsarbeit, Impfpflicht und vielleicht auch ein Praxisverweis von Ungeimpften zählen dazu.

Die American Academy of Pediatrics (AAP), eine pädiatrische Berufsvereinigung, hat in einem Statement verlauten lassen, dass es durchaus akzeptabel ist, Impfverweigerern (und dementsprechend auch deren Kindern) eine Behandlung zu verweigern.

Ist das unethisch?

Drei Medizinethiker verschiedener Universitäten sagen in einem in JAMA Pediatrics erschienen Artikel, „im Prinzip: ja, es ist unethisch“. Allerdings nicht, wie man vermuten könnte, weil kranke Menschen abgewiesen werden, sondern weil man Problempatienten an andere Kollegen abschiebt. Denn man hat zwar die Sicherheit im eigenen Wartezimmer erhöht, dafür müssen sich dann die Kollegen, die Impfverweigerer in ihrer Praxis akzeptieren, damit auseinandersetzen, dass ihre Patienten überdurchschnittlich oft einer vermeidbaren Ansteckungsgefahr ausgesetzt werden.

Darüber müssen sie sich mit der erneuten Aufklärung beratungsresistenter Patienten bzw. Eltern herumschlagen. Denn das sehen die drei Autoren als wichtige Aufgabe der Pädiater an: die Bevölkerungsgesundheit („Public Health“) zu sichern. Und dazu gehört ihrer Meinung nach auch – frei nach dem Motto „steter Tropfen höhlt den Stein“ – immer wieder auf die Patienten einzuwirken und sie mit Argumenten möglicherweise doch noch von einer Impfung zu überzeugen.

Auch ich sehe das kritisch, denn gerade kranke Kinder sollten nicht in die Gefahr geraten, keine Behandlung zu erhalten – denn sie können nichts für die Entscheidung ihrer Eltern. Selbst bei erwachsenen Patienten fände ich dieses Vorgehen grenzwertig, obwohl diese selbst die Konsequenzen für ihr Handeln tragen müssen. Auch ein Raser wird nach einem Unfall behandelt, obwohl er sich und andere gefährdet. Und ich habe auch schon COPD-Patienten ihre Medikamente ausgehändigt, obwohl sie vor dem Betreten der Apotheke trotz Sauerstoffschlauch in der Nase mit Zigarette im Mund auf der Bank vor der Apotheke erst einmal verschnaufen mussten.

Wie sollte man das Problem lösen?

Ich fände, eine Impfpflicht wie in Frankreich oder Italien wäre ein gangbarer Weg, um bestimmte Erkrankungen in den Griff zu bekommen; beispielsweise Masern, an denen weltweit immer noch knapp 90.000 Menschen jährlich sterben. Damit würde man die absoluten Impfgegner sicher nicht kriegen, denn die finden immer ein Schlupfloch, sich ihren Pflichten zu entziehen. Aber die Unentschlossenen, die nicht genug dagegen sind, um sich einer Impfpflicht entgegenzustellen, und auch die Vergesslichen, die die letzte Auffrischung schlichtweg verschlafen haben, würde man darüber möglicherweise erreichen. Außerdem hätte man dann tatsächlich etwas in der Hand, um Impfverweigerern den Zugang zu beispielsweise Kitas zu verweigern, um so andere Kinder zu schützen.

Dagegen … !

Impfgegner (und durchaus auch manche prinzipiellen Impfbefürworter) sehen das anders. Die Gegner aus dem nachvollziehbaren Grund, dass man sie zu etwas verpflichten will, das sie ablehnen. Die Argumente sind jedoch oft von Unwissenheit geprägt und in manchen Fällen geradezu absurd. Hier nur einige der vorgebrachten Theorien:

  • Die Wirksamkeit ist gar nicht bewiesen
  • Die Existenz der Erreger ist gar nicht belegt
  • Eine Krankheit durchzumachen ist viel besser für die Entwicklung des Kindes
  • Kinder werden durch Zusätze in Impfstoffen absichtlich vergiftet
  • Die meisten Erkrankungen, gegen die geimpft wird, gibt es bei uns gar nicht

Das Robert Koch-Institut und das Paul-Ehrlich-Institut haben die 20 häufigsten Einwände gegen das Impfen zusammengetragen und wissenschaftlich aufgearbeitet. Möglicherweise kann man mit fundierten Argumenten doch den ein oder anderen dazu bewegen, seine Position zu wechseln (zumindest bei den Unwissenden, bei den Verschwörungstheoretikern wird es sicher schwieriger).

Selbstbestimmung vs. Verantwortung übernehmen

Bei Impfbefürwortern sind die Gründe für ein Ablehnen der Impfpflicht oft das Recht auf körperliche Unversehrtheit sowie auch die Selbstbestimmung in medizinischen Fragen.

Dem entgegen steht wiederum die Fürsorgepflicht. Dazu kommt in meinen Augen auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Jeder muss dazu beitragen, dass der sogenannte Herdenschutz gewährleistet wird. Denn es gibt Menschen, die wegen echten Kontraindikationen (z.B. Immundefizienz bei Lebendimpfstoffen oder schwere Allergien gegen Impfstoffbestandteile) nicht geimpft werden können und darauf angewiesen sind, nicht fahrlässig entsprechenden Erregern ausgesetzt zu werden.

Man sollte überlegen, ob man zu der „Was-geht-mich-das-an?“-Fraktion gehören möchte oder ob man im Zweifelsfalle auch von der Gesellschaft aufgefangen werden möchte  – zum Beispiel, dass diese eine möglicherweise notwendig werdende Behandlung einer impfpräventablen Erkrankung aus dem Solidartopf der GKV bezahlt, was in den meisten Fällen viel mehr kostet als eine Impfung. Solange es aber keine Verpflichtung zur Impfung gibt, bleibt wohl nur, weiterhin Überzeugungsarbeit zu leisten.

Apropos: Wann haben Sie das letzte Mal ihren Impfpass gecheckt? Meiner ist nahezu voll und der Termin für eine fällige Auffrischung steht bereits!

1 Kommentar zu „Behandlungsverweigerung für Impfverweigerer“

  1. Bravo, Frau Langer! Ihre Haltung ist mir sehr sympatisch. Auch ich halte eine Impfpflicht im Falle der Masern für gerechtfertigt. Deutschland hat auch internationale Verpflichtungen übernommen, denen es nicht wirklich nachkommt.

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