Die automatisierte Insulinabgabe kann den Alltag von Diabetikern einfacher und sicherer machen. Mit den Auswirkungen der Hormonschwankungen während des Menstruationszyklus kommen die Systeme jedoch weniger gut klar. Hier sind die Anwenderinnen gefordert.
Schwankender Insulinbedarf im Zyklus
In der zweiten Zyklushälfte (Lutealphase) sinkt die Insulinsensitivität, in der frühen Follikelphase steigt sie wieder an, erläuterte Dr. Martina Rothenbühler, Berne, in der Vorab-Pressekonferenz anlässlich der 20. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Frauen mit Typ-1-Diabetes erreichen seltener glykämische Zielwerte und tragen ein höheres kardiovaskuläres Risiko. Die Mehrabgabe an Insulin in der Lutealphase kann den Mehrbedarf ausgleichen, verhindert aber nicht zwangsläufig einen Glucoseanstieg.
In einer Studie lagen die Werte der Teilnehmerinnen in der Lutealphase seltener im Zielbereich. Bei rund 85 % war die Insulinempfindlichkeit in der zweiten Zyklushälfte geringer und zu Beginn des Zyklus höher. Wie stark sich die Empfindlichkeit veränderte, unterschied sich jedoch erheblich. Neben hormonellen Schwankungen können auch Ernährung, Schlaf und Bewegung Insulinbedarf und Glucosewerte beeinflussen.
Zyklusabhängige Veränderungen auch bei AID-Nutzung
Bei Systemen zur automatisierten Insulinabgabe (AID) passt ein Steuerungsprogramm die Insulinabgabe per Insulinpumpe anhand der Messwerte an. Allerdings bestehen zyklusabhängige Veränderungen von Insulinbedarf und Glucosewerten auch bei deren Nutzung. Die Systeme fangen zwar Schwankungen ab, arbeiten aber sehr stark reaktiv.
Bislang berücksichtigt kein zugelassenes System den Menstruationszyklus ausdrücklich bei der Steuerung der Insulinabgabe.“
Frauen berichteten von Schwankungen des Insulinbedarfs um bis zu 50 %. Außerdem treten wiederkehrende, scheinbar unerklärliche Hyperglykämien vor der Menstruation sowie ein Hypoglykämierisiko am Zyklusanfang auf.
Mehraufwand für Anwenderinnen
Basalrate, Kohlenhydratfaktor und Korrekturfaktor werden bei AID-Systemen auf einen Durchschnittsmonat kalibriert und passen für einen Teil des Zyklus nicht mehr. Auch mit AID sind deshalb meist individuelle Therapieanpassungen erforderlich. Ob und welche Einstellungen verändert werden sollten, hängt vom persönlichen Verlauf und verwendeten System ab.
95 % der Fokusgruppen-Teilnehmerinnen passten ihr AID-System zyklusbedingt regelmäßig manuell an. Dazu nutzten sie verschiedenen Strategien, am häufigsten „Fake Carbs“ und geänderte Glucosezielwerte, darüber hinaus ausgelassene Boli, Boost-/Ease-off-Funktionen, geänderte Faktoren oder Basalraten. Damit erreichten sie rund fünf Prozentpunkte mehr bei der Zeit im Zielbereich, investierten jedoch viel Zeit, hochgerechnet rund 5000 Tage im Leben einer Frau. Für viele bedeutet die zusätzliche Entscheidungslast Frustration und eine hohe mentale Belastung. Was erschwerend hinzu kommt: Der Zyklus hat auch Einfluss auf den Appetit und das Essverhalten.
Wir sollten die Systeme nicht nur an den Glucosewerten messen, sondern auch daran, wie viele Entscheidungen sie den Nutzerinnen tatsächlich abnehmen.“
Rothenbühler empfiehlt, Zyklusmuster in Beratung und Schulung regelmäßig anzusprechen und hormonelle Lebensphasen in Studien und Technikentwicklung stärker zu berücksichtigen. „Nicht jede Frau braucht vor der Menstruation mehr Insulin. Wir müssen die individuellen Muster erkennen, statt eine pauschale Regel anzuwenden.“ Zukünftig könnten ein besserer Zugang zu Daten, zyklusbewusste Technologien und geschlechtsspezifische Auswertungen als Standard in Zulassungsstudien Vorteile für Frauen mit Diabetes bringen.
Quelle
Dr. Martina Rothenbühler. Diabetes ist nicht immer gleich: wie hormonelle Lebensphasen die Therapie von Frauen beeinflussen. Vorab-Pressekonferenz anlässlich der 20. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 3. November 2026.
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