In Deutschland ist eine Prophylaxe gegen das respiratorische Synzytial-Virus für alle Neugeborenen und Säuglinge während ihrer ersten RSV-Saison empfohlen. Doch wie sieht es mit einer zweiten Saison aus? Welche Wirkstoffe gibt es und wer kann sie erhalten? Oder reicht sogar der Schutz aus der ersten Saison in die zweite hinein?
Zugelassene Wirkstoffe für die RSV-Prophylaxe
Infektionen mit dem respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) gehören zu den häufigsten Gründen für eine Hospitalisierung von Säuglingen und Kleinkindern. In Deutschland sind drei Antikörper für die RSV-Prophylaxe zugelassen: Palivizumab, Nirsevimab und seit April 2026 auch Clesrovimab.
Bei den langwirksamen Antikörpern Nirsevimab und Clesrovimab reicht die einmalige Anwendung vor der ersten RSV-Saison bzw. frühzeitig nach der Geburt bei während der RSV-Saison geborenen Säuglingen. Palivizumab muss dagegen während der RSV-Saison monatlich gegeben werden.
Nirsevimab
Die Prophylaxe mit Nirsevimab konnte die Hospitalisierungsrate von Kindern mit RSV senken und in Deutschland empfiehlt die STIKO deswegen die passive Immunisierung mit dem Antikörper Nirsevimab für alle Neugeborenen und Säuglinge während ihrer ersten RSV-Saison. Nirsevimab ist überdies auch zugelassen bei Kindern im Alter von bis zu 24 Monaten, die während ihrer zweiten RSV-Saison weiterhin anfällig für eine schwere RSV-Erkrankung sind.
Palivizumab
Palivizumab ist zwar auch bis zu einem Alter von 2 Jahren, aber nur für Kinder mit hohem Risiko, zugelassen. Dazu zählen Frühgeborene, Kinder mit frühgeburtsbezogenen chronischen Lungenerkrankungen oder mit hämodynamisch signifikanten kongenitalen Herzerkrankungen.
Clesrovimab
Clesrovimab ist wiederum nur zur Prävention von RSV-Erkrankungen der unteren Atemwege bei Neugeborenen und Säuglingen während ihrer ersten RSV-Saison zugelassen, allerdings für gesunde wie vorerkrankte Kinder. In einer aktuellen Studie wurde Clesrovimab mit Palivizumab bei Kindern mit Risiko für schwere Erkrankungsverläufe verglichen und erwies sich dabei als ähnlich gut verträglich wie Palivizumab. Überdies scheint es auch für eine Anwendung in der zweiten RSV-Saison geeignet zu sein. Der Wirkstoff befindet sich aktuell im Nutzenbewertungsverfahren, der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses wird Mitte November 2026 erwartet.
Wie lange hält der Schutz von Nirsevimab an?
Eine französische Kohortenstudie bestätigte erneut, dass Nirsevimab im ersten Jahr die Hospitalisierungsrate aufgrund von RSV-bedingten Infektionen senken kann. Überdies wurde darin untersucht, ob der Schutz möglicherweise länger bis in die zweite Saison anhält. Verglichen wurden gematchte Paare aus immunisierten und nichtimmunisierten Kindern. Eine 2023er-Kohorte wurde dazu über zwei Jahre nach einmaliger Immunisierung mit Nirsevimab nachbeobachtet.
Während des zweiten Jahres des Follow-ups zeigte sich kein Vorteil mehr für im Vorjahr immunisierte Kinder. Je 0,2 % der immunisierten und nichtimmunisierten Kinder mussten wegen einer RSV-bedingten Infektion der unteren Atemwege (LRTI) im Krankenhaus behandelt werden. Der fehlende Effekt im zweiten Nachbeobachtungsjahr deckt sich mit anderen Studien und passt zu den pharmakologischen Eigenschaften von Nirsevimab, das eine passive Immunität für etwa fünf Monate verleiht.
Hospitalisierungen aufgrund von bakteriellen Hals-Nasen-Ohren(HNO)-Infektionen waren zwar insgesamt selten, aber unter Nirsevimab signifikant häufiger als bei nichtimmunisierten Kindern. Auch die Hospitalisierungsrate aufgrund von Asthma war etwas höher in der Nirsevimab-Gruppe.
Eine Erklärung für den Anstieg der Hospitalisierungsrate für HNO-Infektionen konnten die Autoren nicht finden, zumal andere Studien gegenteilige Ergebnisse lieferten. Zudem betraf dies nur eine geringe Fallzahl an Hospitalisierungen, was gegen die hohe Zahl an durch die Nirsevimab-Immunisierung verhinderten RSV-LRTI-Hospitalisierungen abgewogen werden sollte, so die Autoren.
Schutz in der zweiten Saison
Benötigen Kinder also auch während ihrer zweiten RSV-Saison eine Prophylaxe, da sie weiterhin ein hohes Risiko für eine schwere Erkrankung haben, muss die Immunisierung erneut durchgeführt werden.
Wegen zu geringem Nutzen empfiehlt die STIKO die Anwendung von Nirsevimab in der zweiten Saison nicht, weist aber auf die Empfehlungen der AWMF-S2k-Leitlinie zur Prophylaxe von schweren Erkrankungen durch RSV bei Risikokindern hin. Diese gelten zusätzlich zur STIKO-Empfehlung, die sich auf die RSV-Prophylaxe aller Kinder in ihrer ersten RSV-Saison fokussiert.
Quelle
Gabet A, et al. First- and Second-Year Outcomes After Nirsevimab Immunization. JAMA Pediatr. 2026. Published online. doi:10.1001/jamapediatrics.2026.3384
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