Für Säuglinge wird die prophylaktische Gabe von Vitamin K empfohlen, um die Neugeborenen vor Blutungen, insbesondere lebensgefährlichen Hirnblutungen zu schützen. Laut einer schwedischen Studie nimmt die Bereitschaft zur Vitamin-K-Prophylaxe ab und das Risiko für Blutungen entsprechend zu.
Vitamin-K-Mangel bei Neugeborenen
Neugeborene haben eine erniedrigte Vitamin-K-Konzentration, da dieses Vitamin kaum plazentagängig ist. Auch in Muttermilch ist, im Vergleich zu Säuglingsnahrung, nur wenig Vitamin K enthalten. Zudem ist die Darmflora der Neugeborenen noch nicht in der Lage, Vitamin K zu synthetisieren. Dieses Vitamin ist jedoch ein essenzieller Faktor für die Gamma-Carboxylierung von Gerinnungsfaktoren. Ein Mangel erhöht das Risiko für Blutungen, darunter auch lebensgefährliche intrakranielle Blutungen.
Vitamin-K-Prophylaxe bei Säuglingen
Bereits 1961 empfahl die Amerikanische Akademie für Kinderheilkunde die postnatale Prophylaxe von Vitamin-K-Mangelblutungen mit einer parenteralen oder oralen Vitamin-K1-Gabe. In Deutschland wird in der Regel die Prophylaxe mit dreimal 2 mg oral empfohlen. Die Gabe erfolgt postnatal, am dritten bis zehnten Lebenstag sowie nach vier bis sechs Wochen (U1, U2 und U3). Die Inzidenz von Spätblutungen kann dennoch nicht komplett eliminiert werden. Eine einmalige, postnatale intramuskuläre (i. m.) Prophylaxe schütz noch effektiver vor Vitamin-K-Mangelblutungen, wird derzeit jedoch in Deutschland nicht standardmäßig empfohlen. Gründe könnten eine schmerzhafte Injektion sowie eine verminderte Akzeptanz der i. m. Applikation bei den Eltern sein.
Anteil der Kinder ohne Prophylaxe steigt
In einer schwedischen Kohortenstudie wurden zwischen 2003 und 2021 mehr als zwei Millionen Säuglinge bis zu einem Alter von sechs Monaten nachbeobachtet. Analysiert wurde das Auftreten von Blutungen innerhalb der ersten sechs Monate bei Säuglingen, die Vitamin K (intramuskulär) erhalten hatten im Vergleich zu denen ohne Vitamin-K-Prophylaxe.
Zu Studienbeginn sank der Anteil der Babys, die kein Vitamin K erhielten, von 1,32 % auf 0,66 % im Jahr 2006. Dann nahm er allerdings kontinuierlich zu bis zu einem Anteil von 1,5 % am Ende der Studie im Jahr 2021.
Mehr Blutungen ohne Vitamin K
Kinder, die keine i. m. Vitamin-K-Injektion erhielten, hatten ein um 52 % erhöhtes Blutungsrisiko im Vergleich zu Kindern mit einer prophylaktischen Vitamin-K-Injektion (adjustiertes Odds-Ratio [aOR] 1,52; 95%-Konfidenzintervall [95%-KI] 1,27–1,81). Das Risiko für intrakranielle Blutungen war fast 3-fach erhöht (aOR 2,91; 95%-KI 2,13–3,96).
In der Studie wurde auch das Blutungsrisiko zwischen oraler und intramuskulärer Vitamin-K-Applikation verglichen. Die i. m. Verabreichung war der oralen Gabe zwar überlegen, allerdings erhielten nur wenige Säuglinge Vitamin K per os, sodass eine Interpretation der Ergebnisse schwierig ist.
Aufklärung bereits vor Geburt
Trotz der in Deutschland üblichen oralen Vitamin-K-Gabe bei Säuglingen scheinen immer mehr Eltern die prophylaktische Vitamin-K-Gabe zu verweigern. Besonders im Zusammenhang mit der parenteralen Verabreichung werden häufig falsche Behauptungen verbreitet. Derzeit befindet sich die deutsche Leitlinie „Prophylaxe von Vitamin-K-Mangel-Blutungen (VKMB) bei Neugeborenen“ in Überarbeitung. Spannend ist, ob zukünftig die intramuskuläre Verabreichung gegenüber der oralen Gabe bevorzugt werden soll. Eine ausführliche Aufklärung, bereits vor der Entbindung, ist auf jeden Fall essenziell.
Quellen
- Simatou E et al. Vitamin K Prophylaxis in Newborns and Bleeding in Infancy. JAMA Pediatr 2026;e262606.
- S2k-Leitlinie 024-022 „Prophylaxe von Vitamin-K-Mangel-Blutungen (VKMB) bei Neugeborenen“. Stand 03/2016.
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