Mit Zuranolon ist seit Mitte Juli 2026 in Deutschland eine krankheitsspezifische Akuttherapie für die Behandlung der postpartalen Depression bei erwachsenen Patientinnen nach der Entbindung auf dem Markt.
Jede zehnte Mutter betroffen
Ein rapides Absinken der Schwangerschaftshormone, Schlafmangel, Erschöpfung und eine ungewohnte neue Situation: Fast jede Frau leidet nach einer Entbindung mehr oder weniger stark unter dem sogenannten Babyblues. In der Regel normalisiert sich die Stimmung nach einigen Tagen wieder.
Etwa 10 bis 15% der Mütter leiden jedoch unter einer anhaltenden postpartalen Depression (PPD). Sie benötigen ärztliche oder psychologische Unterstützung. Um die Dauer und Schwere der Erkrankung sowie potenzielle Langzeitfolgen für Mutter und Kind zu reduzieren, ist eine frühzeitige Diagnose und Behandlung wichtig. Bisher werden bei PPD vor allem selektive Serotonin- oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (klassische Antidepressiva) eingesetzt.
Man geht davon aus, dass der PPD eine Dysregulation des GABAergen Systems zugrunde liegt. Dies war die Rationale für die Entwicklung von Zuranolon: Das synthetisch hergestellte neuroaktive Glucocorticoid ist ein Modulator des GABAA-Rezeptors.
Zuranolon moduliert den GABAA-Rezeptor
Die Zulassung beruht auf der randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Phase-III-Studie SKYLARK, an der 196 Frauen mit einer schweren postpartalen Depression teilnahmen. Primärer Wirksamkeitsendpunkt war die Veränderung der Symptomatik nach 15 Tagen, gemessen mit der „Hamilton Depression Rating Scale“ (HDRS-17 bzw. HAMD-17). Der Score bewertet die 17 Kernsymptome einer Depression, darunter depressive Verstimmung, Schlafstörungen, Angst und Gewichtsverlust. Ab 25 Punkten spricht man von einem schweren depressiven Syndrom (PDF).
Die Teilnehmerinnen erhielten über 14 Tage 1:1 randomisiert Zuranolon oder Placebo. 87% beendeten die 45-tägige Studie. In der Zuranolon-Gruppe war der HDRS-17-Wert an Tag 15 im Mittel um 15,6 Punkte gesunken, im Placebo-Arm um 11,6 Punkte (p=0,0007). Bereits nach drei Tagen war der Wert im Mittel um 9,5 Punkte gesunken (vs. 6,1 Punkte unter Placebo). Auch nach 45 Tagen war die Reduktion noch signifikant (17,9 Punkte vs. 14,4 Punkte; p=0,0067).
Zu den häufigsten Nebenwirkungen unter Zuranolon gehören Somnolenz, Schwindel und Sedierung. Aufgrund der dämpfenden Wirkung des Antidepressivums dürfen innerhalb von mindestens zwölf Stunden nach Applikation keine potenziell gefährlichen Aktivitäten durchgeführt werden. Aufgrund fehlender Erfahrungen sollte während der Einnahme nicht gestillt werden.
Zulassung sieht 14-tägige Anwendung vor
Die empfohlene Dosierung beträgt 50 mg Zuranolon einmal täglich abends über 14 Tage, zusammen mit fetthaltiger Nahrung. Das Arzneimittel kann als Monotherapie oder als Add-on zu einer stabil eingestellten medikamentösen antidepressiven Therapie eingesetzt werden.
Die Therapiekosten liegen derzeit bei knapp 18.000 Euro. Inwieweit Zuranolon generisch verfügbaren Standard-Antidepressiva wie Sertralin oder Citalopram überlegen ist, müssen Head-to-Head-Studien zeigen. Diese dürfen (nach entsprechender Nutzen-Risiko-Abwägung) auch während des Stillens und bei bekannter Prädisposition für Depressionen bereits vor der Geburt gegeben werden. Vorteilhaft ist, dass Zuranolon rasch anschlägt und damit in schweren, potenziell lebensbedrohlichen Fällen ein schnelles Einschreiten ermöglicht.
Quellen
- Deligiannidis KM, Meltzer-Brody S, Maximos B, et al. Zuranolone for the Treatment of Postpartum Depression. Am J Psychiatry. 2023;180(9):668–675.
- Pressemitteilung vom 29. Juni 2026 von Biogen „Neue Therapieoption bei postpartaler Depression: Zuranolon ab 15. Juli 2026 in Deutschland“
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