Niedrigdosierte ASS kann jetzt zur Prophylaxe venöser Thromboembolien für Patienten nach Hüft- und Kniegelenksoperationen gegeben werden. Vorausgesetzt, es liegen keine Risikofaktoren für eine Thrombose oder Blutungen vor und die Patienten werden früh mobilisiert.
Prophylaxe venöser Thromboembolien
Nach Operationen wie einer Implantation von künstlichen Hüft- und Knieprothesen besteht ein erhöhtes Risiko venöser Thromboembolien. Deshalb erhalten die Patienten während des stationären Aufenthalts in der Regel niedermolekulare Heparine oder direkte orale Antikoagulanzien.
Niedrigdosierte Acetylsalicylsäure (ASS) wurde in Deutschland bislang nur für die Primär- und Sekundärprophylaxe arterieller Thrombosen eingesetzt.
Wie ist die Studienlage?
In einer Metaanalyse aus 13 randomisierten und kontrollierten Studien mit 6060 Patienten nach Knie- und Hüftgelenksersatz wurden für ASS im Vergleich zu Antikoagulanzien keine statistisch signifikanten Unterschiede bei den Raten venöser Thromboembolien, tiefer Venenthrombosen oder Lungenembolien gefunden. Eine weitere Metaanalyse mit 21 nichtrandomisierten Studien fand für ASS im Vergleich zu Antikoagulanzien ebenfalls keinen Nachteil für ASS. In der CRISTAL-Studie mit fast 6000 Patienten konnte die Nichtunterlegenheit für ASS gegenüber Enoxaparin allerdings nicht bestätigt werden. Die Nichtunterlegenheit von ASS gegenüber Dalteparin oder Rivaroxaban konnte in anderen, kleineren Studien wiederum gezeigt werden.
Eine aktuelle Metaanalyse aus acht randomisierten kontrollierten Studien ergab allerdings eine erhöhte Rate von tiefen Venenthrombosen unter ASS im Vergleich zu niedermolekularen Heparinen, die Raten an venösen Thromboembolien, Lungenembolien sowie schweren Blutungen waren allerdings vergleichbar.
Welche ASS-Dosierung ist optimal?
In einem systematischen Review mit Metaanalyse aus 14 Studien mit insgesamt mehr als 100.000 Patienten waren die Raten tiefer Venenthrombosen und Lungenembolien unter einer täglichen ASS-Dosis von 650 mg im Vergleich zu 162 mg vergleichbar, die Kombination der beiden Endpunkte ergab eine Überlegenheit für die niedrigere Dosis, mit auch insgesamt weniger Nebenwirkungen. Studien mit der in Deutschland üblichen Dosierung von 100 mg täglich existieren derzeit allerdings nicht.
Aufnahme von ASS in die Leitlinienempfehlungen
Aufgrund der aktuellen Studienlage, mit zwar teilweise widersprüchlichen Ergebnissen, wurde für die ASS-Gabe zur Prophylaxe von venösen Thromboembolien eine offene Empfehlung (Empfehlungsrad 0, Evidenzgrad: moderat) ausgesprochen:
„Acetylsalicylsäure (ASS) kann postoperativ bei orthopädischen oder unfallchirurgischen Eingriffen im Bereich der unteren Extremität zur VTE-Prophylaxe angewendet werden.“
Für wen kommt eine Thromboseprophylaxe mit ASS in Frage?
Die Leitlinie empfiehlt die ASS-Prophylaxe nur für Patienten, bei denen kein erhöhtes Thromboserisiko vorliegt, beispielsweise durch schwere Komorbidität, zum Beispiel aktive Krebserkrankungen oder ein bekanntes Thrombose- und Blutungsrisiko. ASS unterscheidet sich von den Antikoagulanzien sowohl hinsichtlich der Schwierigkeiten des Labormonitorings als auch aufgrund seiner für Tage anhaltenden Hemmwirkung auf die Thrombozytenfunktion nach Absetzen. Ebenso ist bei der Anwendung von ASS zur Thromboseprophylaxe ein konsequentes Fast-Track- oder Rapid-Recovery-Konzept mit früher Mobilisation am OP-Tag vorgesehen.
Vorteile von ASS
ASS ist einfach anzuwenden, oral verfügbar und zudem deutlich kostengünstiger als die bisher verfügbaren Therapieoptionen. Allerdings besteht weiterer Forschungsbedarf zur Therapiedauer und zum Einfluss der Frühmobilisation auf das Thromboserisiko.
Quellen
Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik e.V. (AE). Aspirin zur Thrombose-Vorbeugung bei Hüft- und Knie-OPs. Neue S3-Leitlinie gibt evidenzbasierte Empfehlung. 19.02.2026.
S3-Leitlinie Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE).
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