GLP-1-Rezeptoragonisten gewinnen an Bedeutung. Was sagt die neue Richtlinie der Weltgesundheitsorganisation zu deren Einsatz beim globalen Problem Adipositas?
WHO-Leitlinie stärkt die Patienten
Adipositas betrifft derzeit über eine Milliarde Menschen und wird voraussichtlich bis zum Jahr 2030 für zwei Milliarden Menschen weltweit ein Problem darstellen. Seit der ersten Zulassung 2005 haben sich für Glucagon-like peptide-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) zunehmend Vorteile bezüglich Gewichtsabnahme und kardiovaskulärer Prävention sowie als Behandlungsoption bei weiteren Erkrankungen etabliert. Anfang Dezember gab die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine evidenzbasierte Leitlinie für deren Anwendung zur Behandlung von Adipositas bei Erwachsenen heraus.
Diese Medikamente stellen einen Wendepunkt in der Behandlung von Adipositas, deren Komplikationen und damit verbundenen Begleiterkrankungen dar.“
Klar formuliert gilt Fettleibigkeit als chronische Krankheit, die eine lebenslange Versorgung erfordert. Das Expertengremium der WHO, bestehend aus den Bereichen Adipositas, Epidemiologie, klinische Medizin, Pharmakologie und Gesundheitsökonomie sowie Betroffenen, betont die Wichtigkeit einer frühzeitigen Diagnose und befürwortet personenzentrierte Therapieansätze. Kombiniert werden sollen dabei verhaltensbezogene, medizinische und chirurgische Interventionen sowie Präventions- und Behandlungsmaßnahmen von Komorbiditäten.
Wer GLP-1-RA braucht, soll sie bekommen
Angesichts der einerseits anerkannten Wirksamkeit der Substanzen und andererseits potenzieller Einschränkungen für die Durchführbarkeit formuliert die WHO drei Schlüsselfaktoren:
- Breiter und faire Zugang zu erschwinglichen GLP-1-Analoga
- Gesundheitssysteme, die eine hochwertige Versorgung bei Adipositas bieten
- Personenzentrierte Versorgung, die nicht diskriminierend und auf universellen Zugang ausgerichtet ist
Es gelte, diejenigen mit dem höchsten Bedarf zu identifizieren und trotz hoher Kosten, begrenzter Produktionskapazitäten und Lieferkettenbeschränkungen einen Zugang zu GLP-1-Therapien zu ermöglichen. Hierzu wird die WHO eine Priorisierung definieren, auf Basis einer Einteilung von Menschen mit Fettleibigkeit nach Risiko im Zusammenhang mit der Schwere der Erkrankung und Begleiterkrankungen sowie der zu erwartenden Wirksamkeit. Darauf aufbauend soll eine schrittweise Erweiterung erfolgen, wenn Zugang, Kapazität und Bereitschaft sich weiterentwickeln.
Globale Herausforderungen
Diese Ziele seien eine Herausforderung, die unter anderem eine entsprechende Ausbildung der beteiligten Gesundheitsdienstleister und Voraussetzungen seitens der nationalen Versicherungssysteme benötige. Patientenregister und Verordnungsstrukturen sowie eine Stärkung der Beschaffungs- und Kühlkettensysteme sowie Kontrollstrukturen seien hier von Bedeutung.
Selbst unter dem derzeit bestmöglich prognostizierten Szenario könnte die Produktion von GLP-1-RA nur etwa 100 Millionen Menschen abdecken. Das entspricht weniger als 10 % der derzeit adipösen Menschen. Ein spannender Faktor dabei ist das im Jahr 2026 auslaufende Patent für Semaglutid und die sich entwickelnde Generikaproduktion.
Zentrale Aspekte für die Praxis
Es ist eine langfristige Therapie von mindestens sechs Monaten anzustreben. Außerdem spricht sich das Gremium deutlich dafür aus, die Pharmakotherapie mit intensiver Verhaltenstherapie zu kombinieren, inklusive Maßnahmen zu körperlicher Bewegung und Ernährung.
Aufgrund der Relevanz erfolgte die Aufnahme in die WHO-Modellliste der essenziellen Arzneimittel, insbesondere für Hochrisikopersonen mit Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2 sowie Herz-Kreislauf- oder Nierenerkrankungen.
Forschungsziele für die Zukunft
Darüber hinaus streben die Experten eine Weiterentwicklung der „living guideline“ an. Erforscht werden sollen insbesondere langfristige Auswirkungen von GLP-1-Therapien auf Nierenerkrankungen, Kognition, Suchtverhalten und Lebensqualität. Darüber hinaus soll eine Bewertung von Kostenwirksamkeits- und Liefermodellen erfolgen sowie eine Identifizierung von Prädiktoren der individuellen Behandlungsreaktion.
Schließlich seien mehr Erkenntnisse über die Therapie-Initiierung, Titration, Therapieerhaltung und -beendigung in Bezug auf die Körperzusammensetzung und Gesundheitsergebnisse anzustreben. Auch die Kostenwirksamkeit dieser Medikamentenklasse bezüglich der Gesamtbelastung der Adipositas für den einzelnen Patienten, das Gesundheitssystem und die Gesellschaft soll ermittelt werden.
Quelle
Celletti F, Farrar J, De Regil L. World Health Organization Guideline on the Use and Indications of Glucagon-Like Peptide-1 Therapies for the Treatment of Obesity in Adults. JAMA. Published online December 01, 2025. doi:10.1001/jama.2025.24288.
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