HPV-induzierte Kopf-Hals-Tumoren nehmen an Häufigkeit zu. Zwar gibt es eine wirksame Impfung, doch die Impfquoten in Deutschland sind noch gering, wie Priv.-Doz. Dr. med. Benjamin Ernst, Frankfurt, im Rahmen der virtuellen Informationsreihe „Krebs verstehen – im Austausch mit Experten“ des Universitären Centrums für Tumorerkrankungen (UCT) Frankfurt-Marburg betonte.
Viren und Krebs: „ein ganzer Blumenstrauß an Erkrankungen“
Kopf-Hals-Tumoren können durch Nikotin- oder Alkoholmissbrauch entstehen – hier vor allem Mundhöhlenkrebs und Larynx-Tumoren. Zudem können manche Viren Tumoren im Kopf-Hals-Bereich begünstigen:
- Humane Papillomviren (HPV) können vor allem Krebs im Mundrachen-Raum (Oropharynx) auslösen.
- Epstein-Barr-Viren (EBV) sind eher für Tumoren im Nasen-Rachen-Raum (Nasopharynx) verantwortlich.
Als Leitsymptome nannte Ernst unter anderem Heiserkeit über drei Wochen, die nicht auf eine Erkältung zurückzuführen ist, sowie schmerzlose Schwellungen am Hals, Schluckbeschwerden, Atemnot oder Blutungen.
Der Anteil HPV-positiver Oropharynx-Tumoren nimmt in Europa seit Jahren zu. Fast jeder sexuell aktive Mensch infiziert sich irgendwann im Laufe des Lebens mit HPV, wobei die Infektion bei 9 von 10 Menschen innerhalb von bis zu zwei Jahren von selbst heilt. Ein Krebsrisiko bestehe erst, wenn die Infektion nicht ausheile, betonte Ernst. Bei HPV-Persistenz liege es bei ca. 1% innerhalb von 20 Jahren.
Impfung ist die stärkste Prävention
Gegen die Virus-Infektion gibt es nach wie vor keine Therapie. Umso wichtiger sind präventive Maßnahmen. Die durch den Pap-Abstrich bereits reduzierte Inzidenz von Gebärmutterhalskrebs konnte durch Einführung der HPV-Impfung weiter reduziert werden. Und auch orale HPV-Infektionen treten seit Einführung der Impfung seltener auf. In Deutschland sind allerdings bislang weniger als 60% der 15-jährigen Mädchen geimpft. Unter den Jungen sind die Zahlen noch niedriger und für einen Herdenschutz zu gering.
Für Ältere ist der Nutzen der HPV-Impfung begrenzt und muss individuell abgewogen werden.
Kein etabliertes Früherkennungsprogramm für Kopf-Hals-Tumoren
Anders als bei Gebärmutterhalskrebs existiert bislang für Kopf-Hals-Tumoren kein Früherkennungsprogramm. Ernst verwies auf regelmäßige zahnärztliche Vorsorge, in deren Rahmen auch Mundhöhle und Rachen inspiziert werden. HNO-ärztliche Untersuchen können bei bestehenden Risikofaktoren sinnvoll sein. Sie werden allerdings nur bei Beschwerden oder Verdacht von den Krankenkassen übernommen.
Operation meist Therapie der Wahl
Nach aktuellen Leitlinien erfolgt bei Tumoren im frühen Stadium zunächst ausschließlich eine operative Entfernung. Bei Tumoren im mittleren oder fortgeschrittenen Stadium wird die OP in der Regel durch eine Bestrahlung ergänzt. Alternativ kann primär bestrahlt werden, ggf. mit anschließender Chemotherapie. Prinzipiell unterscheiden sich die Therapieempfehlungen bei HPV-positiven und -negativen Tumoren nicht, sagte Ernst. Erstere hätten allerdings eine bessere Prognose.
In Studien wird derzeit getestet, ob eine Therapie-Reduktion für HPV-positive Tumoren sinnvoll sein könnte: In mittleren Tumorstadien konnte eine OP ohne Bestrahlung gleichbleibende Heilungsraten und exzellente funktionelle Ergebnisse erzielen. Außerdem wird geprüft, wie sich Immuntherapien in die bestehenden Therapiekonzepte integrieren lassen. Gute Ergebnisse erziele man mit einer Immuntherapie mit Atezolizumab vor der OP.
Therapeutische Impfungen und Konzepte mit onkolytische Viren seien noch Zukunftsmusik, so Ernst.
Schmerztherapeuten hinzuziehen
In fortgeschritteneren Stadien können Ernährungsberatung und Schlucktherapie u.a. helfen, eine Mangelernährung zu verhindern. Nicht nur durch die Erkrankung selbst, sondern auch durch die Therapie können zudem Schmerzen entstehen. Daher sei es wichtig, Schmerztherapeuten hinzuzuziehen. Ebenso komme der psychoonkologischen Betreuung eine wichtige Rolle zu, auch für Angehörige. Außerdem gelte es, Betroffenen die Sorge zu nehmen, ein virusbedingter Krebs sei ansteckend.
Quelle
Priv.-Doz. Dr. med. Benjamin Ernst, Frankfurt, Vortrag „Krebs durch Viren: Prävention, Früherkennung und Behandlung“ am 2. September 2025 im Rahmen der virtuellen Informationsreihe „Krebs verstehen – im Austausch mit Experten“ des Universitären Centrums für Tumorerkrankungen (UCT) Frankfurt-Marburg
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