Viele Schwangere bevorzugen pflanzliche Heilmittel und komplementärmedizinische Präparate. Besonders beliebt ist unter anderem Kamille in verschiedenen Darreichungsformen. Aber ist sie auch wirksam und sicher?
Hohe Beliebtheit pflanzliche Heilmittel
Der Markt für pflanzliche Heilmittel ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Häufig läuft die Vermarktung dieser Produkte unter „Naturheilmittel“ oder „Heilkräuter“. Insbesondere Frauen sind diesen Präparaten gegenüber aufgeschlossen. Viele Menschen sind überzeugt, dass sie gesünder oder sicherer als Arzneimittel seien. Das führt jedoch häufig dazu, dass gerade Menschen mit Vorbehalten gegenüber Arzneimitteln besonders häufig zu diesen Präparaten greifen. Dazu zählen beispielsweise schwangere oder stillende Frauen, denen häufig suggeriert wird, jegliche Arzneimitteleinnahme in der Schwangerschaft sei zu meiden. Diese weichen dann gerne auf die vermeintlich sichereren Alternativen aus.
„Naturheilmittel“ weit verbreitet bei Schwangeren
Bereits vor 15 Jahren zeigten zwei italienische Umfragen, dass Schwangere häufig zu pflanzlichen und komplementärmedizinischen Produkten greifen. Das geschieht häufig aus der Überzeugung, dass diese natürlichen Substanzen sicherer seien als „klassische“ Arzneimittel.
Mehr als die Hälfte (52 %) der Befragten war davon überzeugt, dass solche Mittel während der Schwangerschaft sicherer sind. 62,7 % glaubten, dass die Wirksamkeit als gleichwertig mit schulmedizinischen Arzneimitteln zu betrachten ist.
Die Bandbreite der eingenommenen Pflanzenprodukte ist groß: So tauchten in einer der italienischen Umfragen als häufigste Kamille, Süßholz, Fenchel, Aloe, Baldrian, Echinacea, Mandelöl, Propolis und Cranberry auf.
In einer aktuellen katalonischen Untersuchung waren die Top 5 der am häufigsten konsumierten Mittel solche mit Ingwer (28%), Kamille (9%), Thymian (7%), Rooibos (6%) und Cranberry sowie Himbeerblätter (je 4%). Dafür waren 102 Schwangere und Frauen kurz nach der Geburt befragt worden, ob und welche pflanzlichen Präparate sie in der Schwangerschaft oder im Wochenbett eingenommen hatten. 96 gaben an, entsprechende Mittel angewendet zu haben. 72 davon hatten sie oral eingenommen.
Ist Kamille empfehlenswert?
In den verschiedensten Untersuchungen ist vor allem Kamille immer wieder unter den am häufigsten angewendeten Mitteln. Auch die Bandbreite der mit Kamille behandelten Beschwerden ist groß. So wurden unter anderem Ängstlichkeit, Schlafstörungen, Übelkeit und Dehnungsstreifen genannt. Sie wurde überdies traditionell auch bei Verdauungsbeschwerden, zur Wundheilungsförderung, Schlafförderung und Schmerzlinderung bei Arthritis oder Rückenproblemen eingesetzt.
In einem aktuellen Review nahmen Wissenschaftler Kamille genauer unter die Lupe: Ist sie wirksam und sicher in der Schwangerschaft und im Wochenbett?
Geringe Evidenz für Kamille
Insgesamt wurden 23 Studien mit 2065 Frauen in die Übersichtsarbeit einbezogen. Insgesamt bestand ein mittleres bis hohes Biasrisiko und somit sei die Evidenz zu schlecht, um konkrete Handlungsempfehlungen für die Anwendung von Kamille in der Schwangerschaft aus den vorliegenden Daten zu entwickeln, so die Autoren des Reviews. Patientinnen könnten lediglich auf einige potenzielle Vorteile der Einnahme hingewiesen und über mögliche Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt werden.
Mögliche Vorteile und Risiken
Als Vorteile nennen die Autoren unter anderem die geringen Kosten und die mögliche Verbesserung der Lebensqualität. Auch wenn die Evidenz insgesamt gering ist, ist sie dennoch besser als für viele andere Produkte.
Als Risiken werden in Fallberichten und einzelnen FDA-Meldungen unter anderem vorzeitige Wehen, Fehl- bzw. Frühgeburt und niedriges Geburtsgewicht sowie Wechselwirkungen mit Nahrungsmitteln und anderen Medikamenten, Schwellungen, Fieber, Hautausschlag, Juckreiz, erhöhte INR-Werte, erhöhter Blutdruck oder Halluzinationen berichtet. In einen Fallbericht wurde bei zwei Schwangeren ein vorzeitiger Verschluss des Ductus arteriosus beobachtet. Auch allergische Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock während der Geburt mit Tod des Kindes wurden berichtet. Als allgemeine Nebenwirkungen identifizierten sie Hautirritationen und Kopfschmerzen (bei Aromatherapie) sowie Übelkeit, Kopfschmerzen und Schläfrigkeit (bei oraler Einnahme).
Empfehlungen für ein Patientengespräch
Möchte eine Patientin entsprechende Präparate anwenden, sollte eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung im Gespräch mit der Betroffenen erfolgen. Die Autoren empfehlen, folgende Punkte in dem Gespräch aufzugreifen (Auszug):
- Insgesamt ist nicht bekannt, ob Kamille hilfreich oder sicher ist. Die Sicherheit und die Bedürfnisse sowohl von der Mutter als auch vom Kind müssen berücksichtigt werden.
- Die Evidenzlage zur Sicherheit und Wirksamkeit von Kamille während und nach der Schwangerschaft ist schwach.
- Kamillentinkturen können bis zu 12 % Alkohol enthalten und sollten während der Schwangerschaft mit Vorsicht angewendet werden.
- Risiken während der Schwangerschaft: Fehlgeburt, Frühgeburt, zu geringes Geburtsgewicht, geringe Geburtsdauer
- Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten: Psychopharmaka, Beruhigungsmittel, Verhütungsmittel, Blutverdünner
- Während der Schwangerschaft kann Kamille Symptome wie Übelkeit und Erbrechen lindern.
- Während der Wehen und nach einem Kaiserschnitt können Aromatherapie und topische Anwendung von Kamille Schmerzen und Angstzustände lindern.
- Gemeldete Nebenwirkungen: Hautreizungen/allergische Kontaktdermatitis, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Anaphylaxie, Fieber, Albträume, Halluzinationen
- Nach der Geburt kann Kamille Depressionen, Angstzustände und die Schlafqualität verbessern.
Quelle
Ferguson T, Gordon B. The Efficacy and Safety of Using Chamomile Products During Pregnancy and the Postpartum Period. Cureus 2025;17(3): e81527. DOI 10.7759/cureus.
Romero NG, et al. Herbal products use during pregnancy and postpartum: study of consumption and user profile in Catalonia. BMC Complementary Medicine and Therapies 2025;25:301. https://doi.org/10.1186/s12906-025-05008-4
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