Link zum Beitrag

Neurologie meets Immunologie

Vom 6. bis 9. November 2024 findet in Berlin der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) statt. Auf der Vorab-Pressekonferenz diskutierten Experten rund um das Kongressthema „Neurologie und Immunologie – gemeinsame Perspektiven“ unter anderem die Frage: Wie immun ist unsere Wissenschaft?

Entzündung als Schlüsselmechanismus

Die häufigste immunvermittelte neurologische Erkrankung ist die multiple Sklerose (MS). Neuroinflammation spielt jedoch bei vielen weiteren Erkrankungen eine Rolle, wie Prof. Dr. med. Sven Meuth, Düsseldorf, hervorhob. Auch bei primär nicht neuroimmunologischen Krankheiten laufe dieser Prozess ab, darunter Schlaganfall, Alzheimer oder Demenz.

Wir ‚labeln‘ neurologische Erkrankungen und grenzen sie klar voneinander ab. Da ist ein Schlaganfall ein Schlaganfall und eine MS eine MS, das eine hat vermeintlich nichts mit dem anderen zu tun. Betrachtet man aber die dahinterliegenden pathophysiologischen Mechanismen, erkennt man frappierende Ähnlichkeiten.

Zeitersparnis durch „Drug repurposing“

Bei gleichen zugrundeliegenden Mechanismen stelle sich die Frage, ob bei den verschiedenen Krankheiten ähnliche Therapietargets adressiert werden könnten. Erste Studien zum Einsatz von Arzneimitteln gegen MS nach einem Schlaganfall zeigten noch nicht den gewünschten Erfolg. Sie zeigen Meuth zufolge jedoch, in welche Richtung man weitergehen könne – zumal ein Drug repurposing den Vorteil hätte, dass bereits Sicherheitsdaten über Jahre vorliegen.

Wie immun ist die Wissenschaft?

Ende September berichtete „Science“ über den Verdacht eines Wissenschaftsskandals: Der US-amerikanische Neurowissenschaftler Eliezer Masliah habe Forschungsergebnisse manipuliert. Ein Verdacht, der die Neurologie weltweit erschütterte. Daher stellte Prof. Dr. med. Daniela Berg, Kiel, die Frage: Wie immun ist die Wissenschaft?

Grundlage der Forschung ist der Wissenschaftskodex. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Kodizes und Leitlinien für wissenschaftliche Integrität, denen sich die meisten Forscher verpflichtet fühlen. Als wesentliche Kriterien der Sicherheit von Forschungsergebnissen stellte Berg die Replizierbarkeit und Reproduzierbarkeit von Experimenten und ihren Ergebnissen hervor.

Nach vorne Scheitern

Neben einer Kultur des Hinterfragens sei es wichtig, dass negative Ergebnisse nicht weniger wert sein sollten als positive. Es bedürfe eines Umfelds, das Scheitern zulasse, negative Ergebnisse bekannt und somit „salonfähig“ mache. Der Begriff des „Nach-vorne-Scheiterns“ bringe das gut auf den Punkt.

Social Media und Gehirn

Lange Bildschirmzeiten bei Kindern sind mit Angst, Somatisierungsstörungen und Depression verbunden, wie Prof. Dr. med. Lars Timmermann, Marburg, ausführte. Ein Aspekt, den es in Bezug auf ausgedehnte Mediennutzung zu berücksichtigen gebe, sei zudem der Schlaf.

Schlaf ist gerade auch für die lebenslange Hirngesundheit enorm wichtig!

Einer aktuellen Studie zufolge führt eine intensive Nutzung sozialer Medien zu einer Entwicklungsverzögerung des Kleinhirns.

Doch Social Media hat nicht nur negative Auswirkungen. So können Impulse für gesunde Ernährung und Bewegung gegeben werden. Während der Corona-Pandemie konnten „Influencer“ Menschen zu körperlicher Aktivität animieren. Dieses Potenzial sollte man nutzen, z. B. vonseiten der BZgA, so Timmermann.

Aufhalten in „Bubbles“ ist kontraproduktiv

Problematisch sind Timmermann zufolge auch die Algorithmen, die das Gehirn von gegenläufigen Meinungen und anderen Erfahrungswelten fernhalten. Dies gebe wenig Stimuli für die neuronale Plastizität. Es laufen bereits Untersuchungen, wie sich die neuronale Plastizität mit Virtual Reality und Brain-Computer-Interfaces gezielt fördern lässt.

Alkohol und Gehirn

Kontraproduktiv für das Gehirn ist auch Alkohol. Prof. Dr. med. Frank Erbguth, Nürnberg, zufolge stehen neurologische Folgeerkrankungen jedoch deutlich weniger im Fokus als Leberschäden oder das erhöhte Krebsrisiko. Während man kognitiven Einschränkungen teilweise noch entgegenwirken könne, sei eine alkoholische Neuropathie nicht rückgängig zu machen. Schätzungen zufolge sind zwischen 22 und 66% der Menschen mit Alkoholproblem betroffen.

Alzheimer-Update: Was passiert mit den neuen Antikörpern?

Mit Antikörpern wie Lecanemab und Donanemab ließ sich in Studien die Progression der Alzheimer-Krankheit um 30 bis 35% verlangsamen, sie sind jedoch mit Nebenwirkungen wie Ödemen und Blutungen behaftet. Wie Prof. Dr. med. Peter Berlit, Berlin, ausführte, ist das Risiko dieser „Amyloid-Related Imaging Abnormalities“ (ARIA) abhängig vom APO-E-4-Status. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) sprach sich zunächst gegen die Zulassung aus, derzeit läuft die Re-Evaluation. Mitte November wird mit der Entscheidung gerechnet.

DGN befürwortet die Zulassung

Die DGN befürwortet die Zulassung von Lecanemab. Zum einen sei der Antikörper bereits über das Ausland erhältlich, komme somit also derzeit nur Patienten zugute, die ihn sich leisten können. Zum anderen seien anderthalb Jahre statt einem Jahr gute Lebensqualität zu erwarten.

Wir reden hier über ein geschenktes halbes Jahr bei noch guter Lebensqualität. Wir denken daher, dass man nach gemeinsamer Abwägung des individuellen Nutzen-Risiko-Profils Betroffenen den Zugang zu dieser Therapie nicht verwehren darf.

Darüber hinaus sieht der DGN-Experte auch den Forschungsstandort Deutschland ausgebremst: Im Gegensatz zu den Ländern, die Alzheimer-Antikörper zugelassen haben, könnten in Deutschland keine Real-World-Daten erhoben und Erfahrungen gesammelt werden. Das benachteilige die deutsche Alzheimer-Forschung. Es müsse jedoch streng kontrolliert werden, welche Patienten überhaupt für die Therapie infrage kommen.

Wichtig sei es auch, die Früherkennung auszubauen. Man könne präventiv viel tun, betonte Berlit.

Quelle

Pressekonferenz im Vorfeld des DGN-Kongresses 2024, 29. Oktober 2024, virtuell.

Bildquelle

xartproduction – stock.adobe.com