Obwohl Fieber bei Kindern ein zentrales Thema ist, gibt es bislang keine Leitlinie dazu. Das soll sich jetzt ändern. Ein Experte stellte die Inhalte auf dem Kongress für Kinder- und Jugendmedizin 2024 vor.
Deutsche Leitlinie bald verfügbar
Im weltweiten Vergleich sieht die Behandlung von Fieber sehr unterschiedlich aus. Die Antwort auf die Fragen, ob und wie Fieber bei jungen Patienten gesenkt werden soll, ist selbst in den existierenden Leitlinien diverser Länder überaus heterogen. Bislang existierte auch in Deutschland keine (AWMF-)Leitlinie zum symptomatischen Fiebermanagement bei Kindern und Jugendlichen. In der Folge fehlen einheitliche Vorgaben hinsichtlich des Umgangs mit fieberhaften Zuständen sowie dem Zeitpunkt und der Form einer notwendigen Fiebersenkung.
Das soll nun anders werden. Noch vor Fertigstellung, die für November 2024 geplant ist, stellte Univ.-Prof. Dr. David Martin, Witten/Herdecke, auf dem Kongress für Kinder- und Jugendmedizin 2024 in Mannheim die AWMF-S3-Leitlinie Ambulantes Fiebermanagement bei Kindern und Jugendlichen vor.
Messen und Beobachten
Ziel der Leitlinie ist es, Ärzten, Pflegepersonal und letztendlich auch Eltern eine verlässliche Empfehlung im Umgang mit fieberhaften Zuständen von Kindern und Jugendlichen zu bieten. Grundsätzlich ist Fieber eine normale und meist hilfreiche Abwehrreaktion des Körpers.
Die Messung der Körpertemperatur sollte in den ersten drei Lebensmonaten ausschließlich rektal erfolgen. Für ältere Kinder liefern auch die Messung im Ohr sowie per Stirnthermometer sehr genaue Ergebnisse. Zusätzlich sollten Eltern das fiebernde Kind auch anfassen, um eine taktile Einschätzung der Wärmeentwicklung zu erhalten.
Vorsicht bei diesen Warnzeichen
Neben der Temperaturmessung geben der Allgemeinzustand und das Wohlbefinden des Kindes wichtige Hinweise. Warnzeichen in Kombination mit Fieber sind Bewusstseinsstörungen, Berührungsempfindlichkeit, Schmerzen, Schreien, Hauteinblutungen und Austrocknung sowie Fieber, das länger als drei Tage dauert. Medizinischer Handlungsbedarf besteht auch bei Kindern unter drei Monaten und Fieber ab 38 Grad (rektal). Hierbei ist eine bakterielle Infektion auszuschließen.
Ein plötzlicher Abfall der peripheren Temperatur, gefolgt von einem Wiederanstieg, ist bei Kleinkindern ebenfalls ein Warnzeichen. Die mittlere Maximaltemperatur ist im Übrigen altersabhängig. Im Alter zwischen ein bis zwei Jahren haben Kinder die höchste Durchschnittstemperatur und können dies auch in der Regel gut tolerieren.
Fieber am frühen Morgen ist ebenfalls sehr ungewöhnlich und oft Grund für Arzt- und Klinikbesuche. Inwieweit das ein weiteres Warnzeichen darstellt, ist für Kinder noch nicht final erforscht. Bei Erwachsenen beträgt die Gehirntemperatur durchschnittlich etwa 40 Grad und schwankt im Tagesverlauf sogar mehr als die Körpertemperatur. Solchen Schwankungen von bis zu vier Grad unterliegen beide Temperaturen, ausgeprägter bei jüngeren Menschen; sie werden als ein Zeichen für Gehirngesundheit gewertet.
Bei Fieber allein keine Fiebersenker
Eine Fiebersenkung empfiehlt die Leitlinie bei zuvor gesunden Kindern und Jugendlichen nicht allein aufgrund der erhöhten Temperatur. Antipyretika sollten lediglich zur Schmerzlinderung und Verbesserung des Befindens gegeben werden, wenn das Kind leidet, so der Expertenkonsens. Als Wirkstoffe eignen sich Ibuprofen ab dem dritten Lebensmonat und Paracetamol. Sie sollen nur so lange zum Einsatz kommen, wie die Beeinträchtigung anhält, unabhängig von der Körpertemperatur.
Martin wies darauf hin, dass Fiebersenker nicht dazu geeignet sind, Fieberkrämpfe zu verhindern. Auch von einer prophylaktischen Gabe im Rahmen von Impfungen ist abzuraten. Studien zeigten, dass beispielsweise bei Pneumokokken-Impfungen die Antikörper-Titer niedriger waren, wenn zuvor Paracetamol gegeben wurde. Eine eventuelle Ausnahme gibt es: Die STIKO empfiehlt Fiebersenker bei der Meningokokken-B-Impfung, hier erfolgen eventuell noch Anpassungen in der AWMF-Leitlinie. Fieber allein ist auch keine Indikation für eine Antibiotikagabe, zumal die meisten Infektionskrankheiten bei Kindern und Jugendlichen nicht durch Bakterien verursacht sind.
Ergänzende Maßnahmen: Bitte nicht stören
Nichtmedikamentöse Maßnahmen haben ebenfalls Eingang in die Leitlinie gefunden. Dazu zählen ein regelmäßiges Angebot von Flüssigkeit und leichter Kost, ungestörter Schlaf sowie liebevolle Zuwendung für mehr Ruhe und Sicherheit. Kinder mit Fieber sollten nicht zu leicht bekleidet sein oder sich in kalten Umgebungstemperaturen aufhalten. Hier ist das Wohlbefinden des Patienten ausschlaggebend: Für frierende Kinder erfolgt eine Wärmeversorgung nach Bedarf, etwa durch Decken. Schwitzen sollte laut Leitlinie nicht gezielt erzeugt und wenn vorhanden mit geringerer Wärmezufuhr behandelt werden.
Keine kalten Wadenwickel
Wadenwickel werden in Deutschland sehr häufig eingesetzt und erhalten durch die Leitlinie Rückendeckung. Sie können demnach bei Fieber sowie warmen Händen und Füßen und bei Unwohlsein angewendet warden, sollten jedoch körperwarm sein. Kalte Wickel rufen eine Gegenreaktion des Körpers hervor und sind kontraproduktiv.
Abschließend empfehlen die Experten, Kinder und Jugendliche erst wieder in den Kindergarten oder die Schule zu schicken, wenn sie mindestens einen Tag lang fit und fieberfrei waren.
Quelle
Univ.-Prof. Dr. med. David Martin. „Leitlinien-Update: Ambulantes Fiebermanagement bei Kindern und Jugendlichen – AWMF-S3-Leitlinie”. Kongress für Kinder- und Jugendmedizin, Mannheim, am 19. September 2024.