Im Rahmen der Vorab-Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Rheumatologiekongresses 2024 wurde die neue S3-Leitlinie zur Gicht vorgestellt. Ausgesprochen wurden insgesamt 25 Empfehlungen. Darunter, wann eine Behandlung beim Rheumatologen erfolgen soll, wie ein akuter Gichtanfall therapiert werden soll und welche Ernährung empfohlen wird.
Versorgungslage besorgniserregend
Professor Dr. med. Christof Specker, Essen, schilderte, wie es um die Versorgungslage von Rheumapatienten bestellt ist. Die Versorgungslage für Patienten mit rheumatologischen Erkrankungen, darunter auch Gicht, hat sich in den letzten Jahren nicht verbessert.
Bei einem Viertel der Betroffenen mit rheumatoider Arthritis und bei mehr als der Hälfte der Morbus-Bechterew-Erkrankten beträgt die Wartezeit bis zum Erstkontakt mit einem Rheumatologen mehr als ein Jahr.
Bei einem Erkrankungsgipfel zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr und einer Änderung der Altersstruktur in unserer Bevölkerung wird die Anzahl der Rheumakranken zunehmen. Hinzu kommt, dass in Deutschland derzeit etwa 700 Rheumatologen fehlen. Da zahlreiche Rheumatologen in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen werden, wird diese Zahl sogar bis auf 1000 steigen.
Dieser Notstand äußert sich bereits bei der universitären Ausbildung: Momentan sind nur 10 von 38 Universitäten mit rheumatologischen Lehrstühlen oder entsprechenden Pflichtstunden in den Vorlesungen ausgestattet.
Volksleiden Gicht
Derzeit leiden ein bis zwei Prozent der Menschen in Deutschland an der Gicht, die somit als Volksleiden im klassischen Sinn bezeichnet werden kann. Das Gichtrisiko steigt mit dem Alter aufgrund einer nachlassenden Nierenfunktion. Vor allem bei jüngeren Patienten spielt der genetische Hintergrund, zum Beispiel eine Mutation im Gen für den Serumharnsäuretransporter, eine große Rolle. Deshalb können auch jüngere Patienten, getriggert durch einen ungesunden Lebensstil, betroffen sein.
Neue S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Gicht“
Privatdozentin und Koordinatorin der neuen S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Gicht“ Dr. Uta Kiltz, Herne, bezeichnete die neue Leitlinie daher als Meilenstein in der Behandlung der Gichtpatienten in Deutschland. Diese erste S3-Leitlinie befasst sich mit der Gicht in Zusammenarbeit mit sieben Fachgesellschaften und beinhaltet insgesamt 25 Empfehlungen.
Wann zum Facharzt?
Die Therapie der akuten Gicht soll in das Metier der Allgemeinmedizin fallen. Hier steht vor allem eine Senkung des Surrogatmarkers im Vordergrund. Konkret bedeutet dies eine dauerhafte Reduktion des Serumharnsäurewerts auf unter 6 mg/dl. Eingesetzt werden soll hier in erster Linie der Xanthinoxidasehemmer Allopurinol.
Bei der Therapie des akuten Gichtanfalls stehen mit Colchicin, Glucocorticoiden oder nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) verschiedene Arzneistoffe zur Auswahl, die in Abhängigkeit von bestehender Komedikation, Komorbidität und weiteren Kontraindikationen eingesetzt werden sollen. Die Patienten sollen über die Therapieoptionen informiert werden.
Eine fachärztliche Behandlung durch einen Rheumatologen soll erfolgen, wenn die Patienten beispielsweise unter Gichttophie leiden und eine Differenzialdiagnostik mit Untersuchung der Gelenkflüssigkeit durch eine Punktion erfolgen soll oder die Therapie aufgrund einer Komorbidität angepasst werden muss.
Welche Ernährungsempfehlungen?
Der Begriff „Gichtlast“ ist nicht fest definiert. Wichtig ist eine Aufklärung der Patienten zum Beispiel darüber, dass Adipositas und regelmäßiger Alkoholkonsum das Gichtrisiko erhöhen. Für eine spezifische Diät gibt es keine Evidenz und eine strenge purinarme Kost lässt sich in der Evidenz auch nicht mehr abbilden. Deshalb wird derzeit eine pflanzenbasierte Ernährung empfohlen.
Quellen
Vorab-Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Rheumatologiekongresses 2024 am 12. September 2024, online.
Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e.V. (DGRh) (federführend) und beteiligte Fachgesellschaften. S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Gicht. https://register.awmf.org/assets/guidelines/060-005l_S3_Diagnostik-Therapie-Gicht_2024-08.pdf (Zugriff am 04.10.2024).
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